Zitat des Quartals “Bier aus dem Glase ist Bier auf dem Sterbebette”

Die moder­nen Lager­feu­er­erzäh­lun­gen sind voll von Berich­ten, in denen sich gro­ße Geis­ter in bei Vor­aus­sa­gen geirrt haben. Jeder kennt wohl die Aus­sprü­che “Ich glau­be, es gibt einen Welt­markt für viel­leicht fünf Com­pu­ter.” (Tho­mas J. Wat­son seni­or, der lang­jäh­ri­ge Chef des Com­pu­ter­her­stel­lers IBM). Oder “Es gibt kei­nen Grund für einen Men­schen, einen Com­pu­ter im Haus zu haben.” (Ken Olsen, Grün­der und Lei­ter der ame­ri­ka­ni­schen Com­pu­ter­fir­ma Digi­tal Equip­ment). Kei­ne der vor­an­ge­gan­gen Aus­sa­gen ist im übri­gen gut belegt oder tat­säch­lich in dem Zusam­men­hang gefal­len, in den sie heu­te gesetzt wird.

Ech­te Fehl­pro­gno­sen waren dage­gen die von Bill Gates, dass in zwei Jah­ren das Spam-​E-​Mail-​Problem gelöst wäre. Oder auch Ethernet-​Erfinder Robert Met­cal­fe. “Wire­less com­pu­ting will flop – per­ma­nent­ly.”[ ]

Bier im Glas - der Tod im Topf? https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NCI_Visuals_Food_Beer.jpg

Rich­tig dane­ben lag im Jah­re 1890 auch ein gewis­ser Dr. W. Schult­ze, Direk­tor der Acti­en­braue­rei in Lie­sing bei Wien mit sei­ner Ein­schät­zung zum Bier­trin­ken aus Glä­sern. Er war der Autor einer Bro­schü­re “War­um Bier nicht aus Glä­sern getrun­ken wer­den soll”. Die Bro­schü­re ist nicht erhal­ten, aber die dar­in zusam­men­ge­fass­ten Ergeb­nis­se wur­den von Prof. Dr. F. Lin­ke in Wien geprüft und sei­ne Bewer­tung im Poly­tech­ni­schen Jour­nal 1890 ver­öf­fent­licht.[ ] Er zitiert die besag­te Schrift: 

Bier im Gla­se ist Bier auf dem Ster­be­bet­te. Das Glas ver­schlech­tert, indem es sich im Bier löst, die Qua­li­tät des letz­te­ren, so daſs der ziel­be­wuſs­te Bier­trin­ker die Ver­ab­rei­chung von Faſs­bier in Glä­sern prin­zi­pi­ell abzu­leh­nen hat. Die meis­ten der gebräuch­li­chen Bier­glä­ser ent­hal­ten Blei­oxyd, gehö­ren daher zu den genuſs- und gesund­heits­wid­ri­gen Gebrauchs­ge­gen­stän­den. In con­se­quen­ter Durch­füh­rung der deut­schen und öster­rei­chi­schen Sani­täts­ge­set­ze erscheint dem­nach die Erzeu­gung, Benut­zung sol­cher Bier­glä­ser, sowie der Han­del damit als straf­fäl­lig (S. 32 u. ff.).

Im gewöhn­li­chen Klein­ver­kehr mit Bier hat an die Stel­le des Gla­ses der salz­gla­sir­te Stein­krug zu tre­ten. Das bes­te Trink­ge­fäſs für Bier ist der innen ver­gol­de­te Sil­ber­krug. Das nächst­bes­te ein guter Zinn­krug, aus wel­chem das Bier sogar bes­ser schmeckt, als aus dem Steinkruge.“

Vergoldeter Silberkrug - dem Glas gesundheitlich überlegen? https://commons.wikimedia.org/wiki/File:David_Winckler_cca_1625.jpg

Rich­tig ist, dass Blei­kris­tall oder Kris­tall­glas gesund­heits­schäd­li­ches Blei(II,IV)-oxid ent­hält, das zwar schwer lös­lich ist und nur durch weni­ge Sub­stan­zen gelöst wer­den kann, z.B. Essig­säu­re, aber doch Blei in nach­weis­ba­ren Grö­ßen­ord­nun­gen auch bei kur­zer Kon­takt­zeit in Lebens­mit­tel und Geträn­ke über­ge­hen kann. 

Des­sel­ben The­mas nah­men sich die bei­den New Yor­ker Toxi­ko­lo­gen Joseph Gra­zia­no und Con­rad Blum an und unter­such­ten den Blei­ge­halt ihrer Haus­bar. “Spit­zen­rei­ter war ein über fünf Jah­re lang in einer Karaf­fe auf­be­wahr­ter Bran­dy, der es auf einen Blei­ge­halt von 21 530 mil­li­ons­tel Gramm pro Liter gebracht hat­te.”[ ] Seit 2013 liegt der Grenz­wert für Blei in Trink­was­ser bei 0,01 mg Blei pro Liter. Der Bran­dy läge also heu­te, viel­hun­dert­fach dar­über. Wel­che Men­gen von dem Bran­dy danach auf­op­fe­rungs­voll appli­ziert wur­den, ist nicht berich­tet. Liter­wei­se dürf­te es nicht gewe­sen sein. 

Abge­se­hen von Feh­lern in Schult­zes Ver­suchs­auf­bau waren damals schon die aller­meis­ten Bier­glä­ser nicht aus Kris­tall, son­dern wie heu­te aus Press­glas, also ganz ohne Blei. Trotz sei­ner ein­dring­li­chen War­nun­gen hat sich das Glas und nicht der ver­gol­de­te Sil­ber­krug als Bier­trink­ge­fäß durchgesetzt.

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