Natur­eis aus Norwegen

Impor­tier­te Käl­te für deut­sche Brauereien

Dass vor der Ein­füh­rung von Käl­te­ma­schi­nen in den Braue­rei­en Natur­eis zur Küh­lung wäh­rend des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses und der Lage­rung des fer­ti­gen Biers genutzt wur­de ist ein his­to­ri­scher Fakt, der den meis­ten an der Geschich­te des Bie­res inter­es­sier­ten Lesern bekannt sein wird. Dass es sich bei die­sem Eis jedoch kei­nes­falls nur um lokal gewon­ne­nes Eis han­del­te, son­dern Natur­eis in gro­ßen Men­gen aus Nor­we­gen sowohl nach Deutsch­land als auch in ande­re euro­päi­sche Län­der impor­tiert wur­de, ist hin­ge­gen nahe­zu ver­ges­sen, auch wenn es sich um ein Geschäft han­del­te, bei dem jähr­lich zehn­tau­sen­de Ton­nen Natur­eis bewegt wur­den und gan­ze Flot­ten von Segel­schif­fen zum Ein­satz kamen. [ ]

Nahe­zu jede Braue­rei in Deutsch­land besaß einen Eis­kel­ler und sobald sich im Win­ter auf den Gewäs­sern der umge­ben­den Regi­on eine genü­gend dicke Eis­schicht gebil­det hat­te, wur­de Eis geern­tet und schnellst­mög­lich ein­ge­la­gert, um über aus­rei­chen­de Eis­vor­rä­te für das Jahr zu ver­fü­gen. [ ], [ ] Spä­tes­tens mit der Ein­füh­rung der Pro­duk­ti­on von unter­gä­ri­gen Bie­ren wie Pils, Export oder Mär­z­en seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts und der damit erfor­der­li­chen genau­en Tem­pe­ra­tur­füh­rung wäh­rend des Brau­pro­zes­ses, d.h. einer Tem­pe­ra­tur von 4 bis 9 Grad Cel­si­us wäh­rend der Gärung, stieg der Eis­be­darf der Braue­rei­en so weit an, dass er nicht mehr zuver­läs­sig aus den hei­mi­schen Gewäs­sern befrie­digt wer­den konn­te. Wenn dann noch ein war­mer Win­ter mit einer nur gerin­gen natür­li­chen Eis­bil­dung hin­zu­kam, herrsch­te für vie­le Braue­rei­en Eisnot.

Eisblöcke vor der Verladung in der Nähe von Kragerø. (ca. 1900) Der Transport der Blöcke erfolgte mittels eines ausgeklügelten System von Gleitbahnen, so dass ein manuelles Heben der Blöcke weitgehend vermieden wurde. Dennoch gab es spezialisierte Greifzangen und Eishaken, die sowohl für den Transport an Land wie auch zum Stauen an Bord der Schiffe genutzt wurden.
(Sammlung des Berg-Kragerø Museum, Kragerø)

Um einer sol­chen Eis­not zu begeg­nen, kamen prin­zi­pi­ell drei Stra­te­gien in Betracht: Die Instal­la­ti­on von Käl­te­ma­schi­nen, die jedoch vor der Ent­wick­lung der moder­nen Käl­te­ma­schi­ne durch Carl Lin­de nur eine eher theo­re­ti­sche Mög­lich­keit war; die Erzeu­gung von Natur­eis auf ande­ren Wegen, wie sie viel­fach mit der Errich­tung von soge­nann­ten Eis­gal­gen, d.h. der geziel­ten Pro­duk­ti­on von gro­ßen Eis­zap­fen auf Gestel­len von denen Was­ser her­ab­tropf­te [ ], beschrit­ten wur­de; und letzt­lich der Import von Eis aus den Regio­nen der Welt, in denen prin­zi­pi­ell in jedem Win­ter eine unbe­grenz­te Men­ge von Natur­eis pro­du­ziert wer­den konnte.

Dass ein sol­cher inter­na­tio­na­ler Han­del von Natur­eis tech­nisch mög­lich war hat­te seit 1805 der US-​Amerikaner Fre­de­ric Tudor bewie­sen, der in die­sem Jahr ange­fan­gen hat­te, einen umfang­rei­chen von Neu­eng­land aus­ge­hen­den Natur­eis­han­del auf­zu­bau­en, der pri­mär die süd­li­chen Lan­des­tei­le der USA und die Kari­bik belie­fer­te. Ein­zel­ne Ladun­gen Eis wur­den aber auch bis nach Süd­ame­ri­ka oder sogar nach Indi­en ver­schifft. Die befürch­te­ten Schmelz­ver­lus­te des Eises hiel­ten sich in Gren­zen, solan­ge das Eis in genü­gend gro­ßen Blö­cken trans­por­tiert wur­de und am Ziel­ort lie­ßen sich oft nahe­zu fan­tas­ti­sche Prei­se für Eis erzie­len. [ ]

Die­se Ent­wick­lung konn­te auch in Euro­pa nicht unbe­ach­tet blei­ben und zwar ins­be­son­de­re nicht im süd­li­chen Nor­we­gen. Anders als in den eben­so win­ter­si­che­ren Regio­nen Schwe­dens, Finn­lands oder Russ­lands, gab es hier nicht nur win­ter­li­che Tem­pe­ra­tu­ren, die eine zuver­läs­si­ge Natur­eis­ern­te erlaub­ten, son­dern vor allem auch eis­freie Häfen, aus denen eine Ver­schif­fung des Eises nahe­zu ganz­jäh­rig mög­lich war. Zudem stan­den in den weit­ge­hend forst- und land­wirt­schaft­lich gepräg­ten Regio­nen in den Win­ter­mo­na­ten zahl­rei­che Arbeits­kräf­te für gerin­gen Lohn zur Ver­fü­gung, die dank­bar für jede Beschäf­ti­gung waren und damit auch für die kör­per­lich her­aus­for­dern­de Arbeit in der Eis­ern­te. Prin­zi­pi­ell galt es somit nur noch, Nach­fra­ge und Ange­bot zusam­men zu brin­gen, um einen euro­päi­schen Natur­eis­han­del zu begrün­den. Das tech­ni­sche Mit­tel hier­für stell­te die nor­we­gi­sche Han­dels­flot­te bereit, die über zahl­rei­che klei­ne­re und mitt­le­re Segel­schif­fe ver­füg­te, die nor­ma­ler­wei­se im Holz­ex­port tätig waren, für die aber jede neue Ladung eine will­kom­me­ne Diver­si­fi­zie­rung bedeu­te­te und zudem schlicht eine Ver­grö­ße­rung des Tätigkeitsfeldes.

Verladung von Eis auf den Segler „Hvitsten“ an der Eisverladung Solbergstrand, Vestby. (ca. 1900) (Sammlung des Norsk Maritimt Museum, Oslo)

Die Braue­rei­en in Deutsch­land gehör­ten jedoch kei­nes­falls zu den ers­ten Kun­den die­ses neu­ar­ti­gen Han­dels mit Natur­eis in Euro­pa. Das wich­tigs­te Absatz­ge­biet waren zunächst die bri­ti­schen Inseln, wo eine hei­mi­sche Natur­eis­pro­duk­ti­on auf­grund der kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen nahe­zu aus­ge­schlos­sen war. Wenig spä­ter folg­te Frank­reich als Absatz­ge­biet für nor­we­gi­sches Eis, da es hier zwar im Süden des Lan­des im Bereich der Alpen eine loka­le Natur­eis­pro­duk­ti­on sowie die Nut­zung von Glet­scher­eis gab, aber für gro­ße Tei­le des Lan­des eben­so wie in Eng­land galt, dass es kei­ne nen­nens­wer­te Mög­lich­keit zur Natur­eis­pro­duk­ti­on gab. Die­se bei­den Märk­te bil­de­ten nicht nur das Haupt­ab­satz­ge­biet für nor­we­gi­sches Natur­eis, son­dern auch die Basis für die Ent­wick­lung der Indus­trie und ihrer Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren. Prin­zi­pi­ell über­nah­men die nor­we­gi­schen Natur­eis­pro­du­zen­ten die in Neu­eng­land ent­wi­ckel­ten Ern­te­ver­fah­ren für Natur­eis. Hier­bei kamen neben der tra­di­tio­nel­len Eis­sä­ge z.B. auch soge­nann­te Eis­pflü­ge zum Ein­satz kamen, wel­che die Zug­kraft von Pfer­den für das Zer­tei­len des Eises auf dem See nutz­ten und vor allem ober­ir­di­sche höl­zer­ne Lager­häu­ser, die über ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem an Gleit­bah­nen für die Eis­blö­cke sowohl mit dem zur Eis­ern­te genutz­ten See wie auch den Ver­la­de­stel­len am Fjord in Ver­bin­dung stan­den. Gera­de die Regi­on um den Oslo­fjord ent­wi­ckel­te sich so seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts zum wich­tigs­ten euro­päi­schen Pro­duk­ti­ons­ge­biet für Natur­eis. Sobald sich die Indus­trie eta­bliert hat­te, war es offen­sicht­lich, dass die in ihr täti­gen Akteu­re auch nach neu­en zusätz­li­chen Absatz­märk­ten außer­halb der bri­ti­schen Inseln und Frank­reich Aus­schau hiel­ten und die­se fan­den sie zumin­dest vor­über­ge­hend in Deutsch­land und vor allem in der deut­schen Brauindustrie.

Mit der Ein­füh­rung der unter­gä­ri­gen Bie­re stieg der Eis­be­darf der Braue­rei­en stark an und damit reich­ten die aus loka­ler Pro­duk­ti­on gewon­ne­nen Eis­vor­rä­te oft­mals nicht aus, um den Bedarf einer Braue­rei über das gan­ze Jahr hin­weg zu decken. Gera­de im Herbst neig­ten sich die Eis­vor­rä­te oft­mals dem Ende zu, und an eine loka­le Pro­duk­ti­on von Natur­eis war in die­ser Jah­res­zeit schlicht nicht zu den­ken. Die nor­we­gi­schen Pro­du­zen­ten von Natur­eis hin­ge­gen ver­füg­ten zumeist auch in die­ser Jah­res­zeit noch über erheb­li­che Vor­rä­te in ihren Lager­häu­sern und konn­ten somit spon­ta­ne Nach­fra­gen nach Eis befrie­di­gen. So ver­wun­dert es nicht, dass in den ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten des deut­schen Brau­ge­wer­bes, wie z.B. der All­ge­mei­nen Hop­fen Zei­tung, dem wich­tigs­ten Organ die­ses Indus­trie­be­rei­ches, regel­mä­ßig Anzei­gen für die Lie­fe­rung nor­we­gi­schen Natur­ei­ses zu fin­den waren. Am Bei­spiel des Jah­res 1877, einem Jahr ohne wesent­li­che Kli­ma­ano­ma­lien und poli­ti­sche Stö­run­gen des Brau­ge­wer­bes, zeigt sich ein­deu­tig die sai­so­na­le Ver­tei­lung der nor­we­gi­schen Natureisimporte.

Die ers­te Anzei­ge für nor­we­gi­sches Natur­eis erschien in der Aus­ga­be vom 15.7.1877 und war nichts ande­res als ein schlich­ter Hin­weis auf die Ver­füg­bar­keit von nor­we­gi­schem Block­eis durch ein spe­zi­fi­sches Unter­neh­men in Geest­e­mün­de (heu­te Bestand­teil der Stadt Bre­mer­ha­ven). In den Herbst­mo­na­ten nahm die Fre­quenz ent­spre­chen­der Anzei­gen nicht nur kon­ti­nu­ier­lich zu, son­dern es änder­te sich vor allem auch die Art der Anzei­gen. Anstatt gene­rell für nor­we­gi­sches Natur­eis zu wer­ben, wur­de jetzt auf die Ver­füg­bar­keit ein­zel­ner Wag­gon­la­dun­gen a 10 t ver­wie­sen und damit ein­deu­tig die­je­ni­gen Braue­rei­en ange­spro­chen, deren eige­nen Eis­vor­rä­te zum Ende gekom­men waren und die klei­ne­re Eis­men­gen zur Über­brü­ckung des Zeit­rau­mes bis zum Beginn der eige­nen win­ter­li­chen Eis­pro­duk­ti­on benö­tig­ten. Auf­fäl­lig bei die­sen Anzei­gen ist, dass es zumeist spe­ku­la­tiv agie­ren­de Agen­ten waren, die die­se Anzei­gen schal­te­ten und die nicht über eige­ne Lager­ka­pa­zi­tä­ten ver­füg­ten, son­dern eine oder meh­re­re Schiffs­la­dun­gen nor­we­gi­schen Natur­eis unter Ver­trag genom­men hat­ten und jetzt kurz­fris­ti­ge Absatz­mög­lich­kei­ten such­ten. Die­ses weit­ge­hend spe­ku­la­ti­ve Han­dels­mo­dell basier­te zum einen auf den teils erheb­li­chen Men­gen des zu die­ser Jah­res­zeit noch vor­han­de­nen Natur­eis der vori­gen Sai­son in den Eis­häu­sern der nor­we­gi­schen Pro­du­zen­ten und ande­rer­seits auf der Nach­fra­ge ein­zel­ner Braue­rei­en in Deutsch­land, deren eige­ne Eis­vor­rä­te nicht für das gesam­te Jahr aus­rei­chend waren.

Eine wei­te­re wich­ti­ge Vor­be­din­gung für die­sen Han­del war die Ver­füg­bar­keit von geeig­ne­ten Trans­port­mit­teln zwi­schen den See­hä­fen und den Braue­rei­stand­or­ten. Da die bereits genann­ten Anzei­gen der Eis­händ­ler bzw. Agen­ten regel­mä­ßig von Wag­gon­la­dun­gen a 10 t Eis spre­chen ist davon aus­zu­ge­hen, dass die­se Trans­por­te mit der Eisen­bahn durch­ge­führt wur­den und zwar mit regu­lä­ren Güter­wag­gons. Auf­grund der feh­len­den Iso­lie­rung der Fahr­zeu­ge wur­de das Eis auch hier wie an Bord der Schif­fe mit Säge­spä­nen iso­liert, um die Schmelz­ver­lus­te zumin­dest in über­schau­ba­ren Gren­zen zu hal­ten. Tat­säch­lich waren die­se Ver­lus­te jedoch auf­grund der kom­pak­ten Stau­ung gerin­ger als man gemein­hin anneh­men wür­de. Selbst im Fal­le des tota­len Nie­der­bren­nens eines Eis­hau­ses, wie es auf­grund der leicht brenn­ba­ren Iso­lie­run­gen immer mal wie­der pas­sier­te, war nach dem Brand häu­fig noch ein so gro­ßer Eis­be­stand vor­han­den, dass bereits wäh­rend des Wie­der­auf­baus des Eis­hau­ses der Han­del erneut begin­nen konnte.

Par­al­lel zu die­ser Ent­wick­lung war in eini­gen Berei­chen Deutsch­lands und vor allem im Ber­li­ner Raum eine hei­mi­sche Natur­eis­in­dus­trie nach norwegisch-​amerikanischem Vor­bild ent­stan­den und die von Carl Bol­le, dem spä­te­ren Grün­der der weit bekann­te­ren Meie­rei Bol­le, begrün­de­ten Nord­deut­schen Eis­wer­ke in Ber­lin ent­wi­ckel­ten sich inner­halb kur­zer Zeit zum größ­ten Natur­eis­pro­du­zen­ten in Euro­pa. [ ] Gemein­sam sorg­ten die deut­schen und nor­we­gi­schen Natur­eis­pro­du­zen­ten dafür, dass es für vie­le Braue­rei­en in Deutsch­land spä­tes­tens ab den 1870er Jah­ren inter­es­san­ter wur­de, auf einen Ein­kauf des gesam­ten Eis­be­dar­fes zu set­zen, als eine eige­ne Eis­ge­win­nung fort­zu­füh­ren. Dies galt vor allem auch, da sowohl von den Nord­deut­schen Eis­wer­ken und ande­ren deut­schen Natur­eis­pro­du­zen­ten wie auch von den nor­we­gi­schen Eis­ex­por­teu­ren regel­mä­ßi­ge Eis­blö­cke von 40 bis 50 cm Dicke gelie­fert wer­den konn­ten, wäh­rend es sich bei der Eigen­pro­duk­ti­on vie­ler Braue­rei­en um Eis erheb­lich gerin­ge­rer Stär­ke han­del­te oder im Fall der Nut­zung von Eis­gal­gen sogar nur um Eis­zap­fen. Hin­zu kam noch, dass es sich bei dem von den Braue­rei­en selbst geern­te­ten Eis häu­fig nicht nur um ver­gleichs­wei­se dün­ne Eis­schich­ten han­del­te, son­dern das Eis auch durch pflanz­li­che Bestand­tei­le ver­schmutzt war, oder aus Gewäs­sern mit frag­wür­di­ger Was­ser­qua­li­tät stamm­te. Im Brau- und Lager­pro­zess kam das Bier zwar prin­zi­pi­ell nicht mit dem Eis in direk­ten Kon­takt aber ein laten­tes Risi­ko einer Ver­schmut­zung des Bie­res war den­noch gege­ben, wäh­rend die Eis­blö­cke aus Nor­we­gen auf­grund der Rein­heit der zur Eis­pro­duk­ti­on genutz­ten Gewäs­ser die­ses Risi­ko nahe­zu voll­stän­dig aus­schlos­sen. Die Dis­kus­si­on um die Ver­schmut­zung von Natur­eis ins­be­son­de­re mit Bak­te­ri­en aller Art wur­de gera­de­zu lei­den­schaft­lich geführt, was ange­sichts der sich zeit­gleich ent­wi­ckeln­den wis­sen­schaft­li­chen Bak­te­rio­lo­gie nicht ver­wun­dert, aber auch vor dem Hin­ter­grund der Erfin­dung von Maschi­nen für eine wirt­schaft­lich sinn­vol­le Pro­duk­ti­on von Kunst­eis ver­stan­den wer­den muss. [ ]

Carl von Linde, 1868

Seit 1872 stand mit der von Carl Lin­de ent­wi­ckel­ten Ammoniak-​Kältemaschine erst­mals eine Tech­no­lo­gie zur Ver­fü­gung, die die Nut­zung von Natur­eis in den Braue­rei­en zumin­dest theo­re­tisch obso­let wer­den ließ. [ ] Für die meis­ten klei­ne­ren und mitt­le­ren Braue­rei­en war dies jedoch auf­grund der hohen Inves­ti­ti­ons­kos­ten zunächst nur eine weit­ge­hend theo­re­ti­sche Opti­on und Natur­eis bestimm­te wei­ter­hin den All­tag die­ser Betrie­be. Die erfolg­rei­che Instal­la­ti­on von Käl­te­ma­schi­nen in eini­gen weni­gen gro­ßen Braue­rei­en zeigt jedoch ein­deu­tig, dass ein Ver­zicht auf Natur­eis in einer Braue­rei mög­lich war und somit war das Ende des Zeit­al­ters der Nut­zung von nor­we­gi­schem Import­eis bereits nach nur weni­gen Jahr­zehn­ten ein­ge­läu­tet. Bis es jedoch dazu kam, dass die Mehr­heit der Braue­rei­en auf den Ein­satz von Natur­eis ver­zich­te­te war es ein rela­tiv lan­ger Über­gang. Gera­de für die klei­ne­ren Betrie­be war der Erwerb von Käl­te­ma­schi­nen kaum finan­zier­bar und beinhal­te­te erheb­li­che öko­no­mi­sche Risiken.

Einen nicht uner­heb­li­chen Anteil dar­an die­sen Pro­zess zu beschleu­ni­gen, hat­te schließ­lich das Kli­ma, bzw. ein wenig genau­er eine Serie von mil­den Win­tern in den 1880er und 1890er Jah­ren. Die­se Win­ter sorg­ten dafür, dass eine hei­mi­sche Pro­duk­ti­on von Natur­eis in Deutsch­land vor­über­ge­hend nahe­zu unmög­lich war. Für die noch immer Natur­eis ver­wen­den­den Braue­rei­en stell­te sich die Fra­ge, ob die hei­mi­sche Natur­eis­pro­duk­ti­on durch einen Zukauf von (nor­we­gi­schem) Natur­eis oder doch durch die Inves­ti­ti­on in eine Käl­te­ma­schi­ne ersetzt wer­den soll­te. Vie­le der Braue­rei­en ent­schie­den sich für die zwei­te Opti­on, da die Bei­spie­le der Groß­braue­rei­en die bereits über Käl­te­ma­schi­nen ver­füg­ten, nicht nur gezeigt hat­ten, dass die­se längst kei­ne wesent­li­chen Kin­der­krank­hei­ten mehr besa­ßen, son­dern vor allem auch gezeigt hat­te, dass die Umstel­lung auf künst­li­che Käl­te erheb­li­che wei­te­re betrieb­li­che und öko­no­mi­sche Vor­tei­le gebracht hat­te. So wur­den die bis­lang für die Lage­rung des Natur­ei­ses erfor­der­li­chen Räum­lich­kei­ten nicht mehr benö­tigt, son­dern konn­ten jetzt für ande­re betrieb­li­che Zwe­cke, wie zum Bei­spiel die Lage­rung von Bier benutzt wer­den. Die sei­tens der Pro­du­zen­ten von Kunst­eis und Anbie­tern von Käl­te­ma­schi­nen gera­de in die­ser Zeit betrie­be­nen Kam­pa­gnen zur Dis­kre­di­tie­rung von Natur­eis als hygie­nisch zwei­fel­haf­tes Pro­dukt tru­gen natür­lich erheb­lich dazu bei, die­sen Umstel­lungs­pro­zess von Natur­eis auf künst­li­che Käl­te zu beschleu­ni­gen. Der Hin­ter­grund die­ser dis­kre­di­tie­ren­den Kam­pa­gnen war dabei nicht ein­mal in der Brau­in­dus­trie zu suchen, son­dern dar­in, dass Eis als Kühl­mit­tel inzwi­schen Ein­zug in eine Viel­zahl ande­rer Indus­trien und in die pri­va­ten Haus­hal­te gefun­den hat­te. Hier war dann auch die für die Braue­rei­en typi­sche sys­te­ma­ti­sche Tren­nung von Eis und Lebens­mit­tel nicht mehr immer gege­ben, so dass die Beden­ken gegen eine Nut­zung von Natur­eis teil­wei­se durch­aus berech­tigt waren. Auf die Braue­rei­en traf die­ses Pro­blem zwar nicht wirk­lich zu, da sowohl im Produktions- wie auch im Lager­pro­zess eine strik­te Tren­nung von Bier und Eis gege­ben war, aber der Image­scha­den für das Natur­eis war entstanden.

So ver­wun­dert es auch nicht, dass immer weni­ger Natur­eis sei­tens der Braue­rei­en seit den 1880/​90er Jah­ren genutzt wur­de, wobei sich durch­aus rele­van­te regio­na­le Unter­schie­de in die­sem Über­gangs­pro­zess auf­zei­gen las­sen. Wäh­rend die Braue­rei­en, die güns­tig zu einem See­ha­fen lagen noch ver­gleichs­wei­se lan­ge an der Nut­zung nor­we­gi­schen Natur­ei­ses fest­hiel­ten, waren die weit von den See­hä­fen ent­fern­ten Braue­rei­en die ers­ten, die sich von der Nut­zung von Natur­eis gänz­lich abwand­ten. Da aus Sicht der nor­we­gi­schen Eis­ex­por­teu­re der deut­sche Markt im Ver­gleich zum bri­ti­schen oder fran­zö­si­schen stets von nur gerin­ge­rer Bedeu­tung war, blie­ben die­se lang­sa­men Ände­run­gen nicht nur weit­ge­hend unbe­merkt, son­dern führ­ten vor allem nicht zu irgend­wel­chen Aktio­nen, um den Markt­an­teil nor­we­gi­schen Eises in Deutsch­land zu sichern oder sta­bi­li­sie­ren. So lan­ge auf dem bri­ti­schen oder fran­zö­si­schen Markt wei­ter­hin eine kon­ti­nu­ier­li­che oder sogar stei­gen­de Nach­fra­ge nach nor­we­gi­schem Natur­eis bestand, war es weit­ge­hend unin­ter­es­sant, was sich auf dem deut­schen Markt tat. Die­se Zeit­span­ne führ­te eben­falls dazu, dass die von Lin­de ent­wi­ckel­te Käl­te­ma­schi­ne eine sol­che Qua­li­tät erlan­gen konn­te, dass es ab einem bestimm­ten Zeit­punkt ein­fach nicht mehr mög­lich war, die Märk­te zurück zu erlan­gen. Die Geschich­te des Ein­sat­zes von Natur­eis in der deut­schen Brau­in­dus­trie war somit um 1900 prin­zi­pi­ell zu ihrem Ende gekom­men, auch wenn ein­zel­ne klei­ne­re Braue­rei­en wei­ter­hin dem Natur­eis treu blieben.

Für den Transport der Eisblöcke errichtete Gleitbahn bei Stabbestad, Kragerø. Die Länge der Gleitbahn zeigt eindrucksvoll die teils aufwendige Infrastruktur, die für den Transport des Eises von den zur Eisproduktion genutzten Gewässern zu den Verladestellen unmittelbar am Fjord angelegt wurde. (ca. 1900) (Photo: John Lyng-Olsen, Lyng Olsen Sammlung im Berg-Kragerø Museum, Kragerø)

Ins­ge­samt lässt sich fest­stel­len, dass die Nut­zung von Natur­eis und ins­be­son­de­re nor­we­gi­schem Eis eine tech­no­lo­gi­sche Über­gangs­lö­sung war, die im Prin­zip ein Opfer ihres eige­nen Erfol­ges gewor­den war. Die Ein­füh­rung des unter­gä­ri­gen Brau­ens hat­te in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts für eine Nach­fra­ge nach Eis gesorgt, wie sie nur durch die Pro­duk­ti­on, bzw. den Import von Natur­eis befrie­digt wer­den konn­te. Dies sorg­te dann für eine schnell wach­sen­de Nach­fra­ge nach Eis, die nur durch Impor­te aus Nor­we­gen befrie­digt wer­den konn­te und die gro­ße Ver­füg­bar­keit von nor­we­gi­schem Natur­eis trug ande­rer­seits erheb­lich dazu bei, dass sich die unter­gä­ri­gen Brau­ver­fah­ren inner­halb von nur weni­gen Jahr­zehn­ten als domi­nan­tes Brau­ver­fah­ren der deut­schen Braue­rei­en eta­blier­ten. Gleich­zei­tig sorg­te die gestie­ge­ne Nach­fra­ge nach Eis jedoch trotz der Ver­füg­bar­keit von nor­we­gi­schem Natur­eis dafür, dass die Ent­wick­lung der Käl­te­ma­schi­nen erheb­lich beschleu­nigt wur­de. Ohne die Nach­fra­ge nach gro­ßen Men­gen an Natur­eis wäre es zu die­sem Zeit­punkt wahr­schein­lich noch nicht zur Ent­wick­lung einer markt­rei­fen Käl­te­ma­schi­ne gekom­men. Sobald die­se zur Ver­fü­gung stand, war es dann auch schnell so weit, dass sie das Natur­eis und ins­be­son­de­re das aus Nor­we­gen impor­tier­te Eis aus dem Markt drän­gen konn­te. Viel­leicht waren es zwar nicht ‚die Geis­ter, die ich rief‘, aber ein wenig vom Zau­ber­lehr­ling steckt viel­leicht auch in der Geschich­te der Ver­wen­dung von Natur­eis in der deut­schen Brau­in­dus­trie, einer Geschich­te, die durch ein eben­so schnel­les Anwach­sen eines Mark­tes wie auch des­sen Nie­der­gang nach nur weni­gen Jahr­zehn­ten geprägt war. Viel­leicht waren es aber auch ein­fach nur eini­ge war­me Win­ter in unmit­tel­ba­rer Fol­ge, die das Ende des Natur­ei­ses in der deut­schen Brau­in­dus­trie mit sich brachten.

Betrach­tet man aller­dings die gegen­wär­ti­ge Land­schaft der deut­schen Braue­rei­en im Detail, so sieht man doch, dass der Ein­satz von Natur­eis doch noch nicht ganz zum Ende gekom­men ist. Zwar wird kein Natur­eis mehr aus Nor­we­gen impor­tiert, aber eini­ge Braue­rei­en haben das Kon­zept noch nicht ganz auf­ge­ge­ben und der ein oder ande­re Eis­gal­gen wird wei­ter­hin im Win­ter auf­ge­baut, um Natur­eis zu pro­du­zie­ren. Wie­weit sich aller­dings die Nut­zung von Natur­eis auch im Bereich der Hob­by­braue­rei rea­li­sie­ren lässt, muss ver­mut­lich als frag­wür­dig betrach­tet wer­den. Hin­rei­chen­de Men­gen Natur­eis aus einem See zu ern­ten oder aus Nor­we­gen zu impor­tie­ren dürf­te für den Hob­by­brau­er unmög­lich sein und selbst wenn es mög­lich sein soll­te, einen Eis­gal­gen zu errich­ten, dürf­ten die Lager­kel­ler für das Eis feh­len. In der Sum­me bleibt es also dabei, dass es sich bei der Nut­zung von Natur­eis und ins­be­son­de­re nor­we­gi­schem Natur­eis um ein abge­schlos­se­nes his­to­ri­sches Kapi­tel han­deln dürf­te, aller­dings um eines, das zu Unrecht in der deut­schen Brau­ge­schich­te weit­ge­hend ver­ges­sen ist. Viel­leicht gilt es bei einem Besuch in einem der Muse­ums­hä­fen an der Küs­te ein­fach mal dar­an zu den­ken, dass genau die Segel­schif­fe, die sich dort heu­te fin­den, einst das Eis von den Häfen der nor­we­gi­schen Oslo­fjord­re­gi­on trans­por­tiert haben, das für vie­le Braue­rei­en genau­so exis­ten­ti­ell war wie Hop­fen und Malz, oder bei einem Urlaub in der nor­we­gi­schen Oslo­fjord­re­gi­on sich dar­an zu erin­nern, dass die­se Regi­on im 19. Jahr­hun­dert jene war aus der ein nicht uner­heb­li­cher Teil des in der deut­schen Braun­in­dus­trie genutz­ten Eis’ stammte.

Ein viel­leicht durch­aus wich­ti­ges Detail der Geschich­te der Nut­zung nor­we­gi­schen Natur­ei­ses durch deut­sche Braue­rei­en konn­te bis­lang jedoch auch im Rah­men der der­zei­ti­gen For­schungs­pro­jek­tes „Die letz­te Eis­zeit /​Den sis­te istid“ bis­lang nicht abschlie­ßend geklärt wer­den. Wäh­rend es klar ist, dass gera­de die gro­ßen süd­deut­schen Braue­rei­en wie die Spa­ten Braue­rei oder Fran­zis­ka­ner früh die Ent­wick­lung von Käl­te­ma­schi­nen unter­stütz­ten und die­se in ihren Betrie­ben ein­führ­ten, ist die Situa­ti­on im Bereich Natur­eis kom­ple­xer und schlech­ter doku­men­tiert. Wel­che deut­schen Braue­rei­en die Pio­nie­re des Eis­im­ports aus Nor­we­gen waren lässt sich nicht mehr ein­deu­tig nach­voll­zie­hen, da zwar die Kun­den der nor­we­gi­schen Eis­ex­por­teu­re zumeist bekannt sind, aber die­se zumeist Zwi­schen­händ­ler waren. Mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit ist aber davon aus­zu­ge­hen, dass die aller­meis­ten deut­schen Braue­rei­en zumin­dest vor­über­ge­hend einen Mix aus hei­mi­scher Eis­pro­duk­ti­on und zuge­kauf­tem nor­we­gi­schen Eis nutzten.


Der hier vor­lie­gen­de Bei­trag ent­stand auf der Basis des For­schungs­pro­jekts: „Die letz­te Eis­zeit /​Den sis­te istid“

Das vom Nor­we­gi­schen For­schungs­rat finan­zier­te Pro­jekt wird feder­füh­rend vom Nor­we­gi­schen Schiff­fahrts­mu­se­um in Oslo betreut. Wei­te­re Part­ner sind die Uni­ver­si­tät Südost-​Norwegen, die Uni­ver­si­ty of Hull in Groß­bri­tan­ni­en und die Old Domi­ni­on Uni­ver­si­ty in Nor­folk, VA (USA). Ziel des Pro­jek­tes ist die Erfor­schung der Geschich­te des euro­päi­schen Natur­eis­han­dels als eine Über­gangs­in­dus­trie sowie mit­tel­fris­tig die Ent­wick­lung einer Aus­stel­lung, die die Geschich­te des Natur­ei­ses und der frü­hen Käl­te­tech­no­lo­gie the­ma­ti­siert. Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zum Pro­jekt sind ver­füg­bar via: marmuseum.no/den-siste-istid

Soll­te einer der Leser des brau!magazins über wei­te­re Hin­wei­se oder Quel­len zur Nut­zung von Natur­eis in der deut­schen Brau­in­dus­trie ver­fü­gen, wür­den sich die Mit­ar­bei­ter des Pro­jekts „Die letz­te Eis­zeit /​Den sis­te istid“ über eine Kon­takt­auf­nah­me freuen.

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