Turbulenzen in der Craft-​Brau-​Szene

Aufkäufe und Fusionen sind in der Brauereibranche eigentlich nichts ungewöhnliches. Immer wieder werden Kleine von Großen geschluckt oder zwei Große vereinigen sich, um später noch mehr Kleine zu schlucken. Vorläufiger Rekord dieser Reihe war im Oktober 2015 der Kauf von SAB-Miller durch AB-InBev für unvorstellbare über 100 Milliarden Dollar. Damit fusionierten die beiden weltweiten Marktführer der Branche, und künftig wird ein Drittel des globalen Bierkonsums in einer Brauerei dieses neuen Superkonzerns gebraut werden - das sind fast 600 Millionen Hektoliter.

Einige Größenordnungen kleiner, aber nicht weniger aufsehenerregend waren AB-InBevs Einkäufe in der Craft-Bier-Szene (1). Im Dezember übernahm der Konzern innerhalb von wenigen Tagen drei Craft-Brauereien: die Camden Town Brewery, Four Peaks Brewing und die Breckenridge Brewery. Zuvor hatte AB-InBev schon bei Goose Island (2011), Blue Point (2014), Elysian (Anfang 2015) und Golden Road (September 2015) zugegriffen und besitzt damit bereits acht ehemalige Craft-Bier-Marken.

Auch andere Brauerei-Größen bedienten sich im Craft-Bier-Bereich: Heineken übernahm Lagunitas (September 2015), Duvel Moortgat kaufte Boulevard Brewing (2013) und Firestone Walker (2015) nachdem es bereits früher seine Beteiligung bei Ommegang aufstockte. Die Ballast Point Brewery landete bei Constellation Brands (November 2015) und Alpine Beer Company bei Green Flash Brewing (2014). Die Liste ließe sich fortsetzen.

Der Aufschrei bei den Craft-Puristen war jedesmal groß. Diese Brauereien sind oder werden aus der Brewers Association, der von Charlie Papazian geleiteten Vereinigung der unabhängigen amerikanischen Brauereien, ausgeschlossen und dürfen sich damit nicht mehr mit dem Titel "Craft Brewery" schmücken. Die Statuten der Brewers Association verbieten eine hohe Fremdbeteiligung:

"Less than 25 percent of the craft brewery is owned or controlled (or equivalent economic interest) by an alcoholic beverage industry member that is not itself a craft brewer." (6)

("Die Craft-Brauerei ist mit weniger als 25 Prozent im Besitz oder beherscht (oder anderweitig ökonomisch kontrolliert) durch ein Mitglied der Getränkeindustrie, das nicht selbst Craft-Brauer ist.")

Befürchtet wird vor allem, dass die Kreativität durch den Einfluss der neuen Eigentümer gebremst werden könnte. Zudem könnten die ehemaligen Craft-Brauer mit den großen Konzernen im Rücken den kleinen, unabhängigen lokalen Marken zunehmend Konkurrenz machen und damit auch die weitere Entwicklung der Craft-Bier-Szene bremsen.

Dem stehen aber auch für beide Seiten gravierende wirtschaftliche Vorteile gegenüber. Die Großen wollen an dem sich dynamisch entwickelnden Marktsegment der Craft-Brauer teilhaben. Immerhin stieg der am Ausstoß bemessene Anteil der Craft-Brauereien am amerikanischen Biermarkt 2014 auf 11%. Nach Umsatz sind es schon fast 20% mit einer jährlichen Steigerungsrate von über 20% - solche Zahlen haben Großbrauereien schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

Aber auch die übernommenen Brauereien profitieren: sie können nach der Übernahme auf die Resourcen der Mutterkonzerne zugreifen, seien es Spezialisten, Laborkapazitäten oder Vertriebswege. Gerade in dem in den USA streng regulierten Biergroßhandel ist Größe wichtig, um Platz in den Regalen der Einzelhändler zu bekommen.

Investitionen können die ständig expandierenden Craft-Brauer ab einer bestimmten Größe kaum mehr selbst finanzieren; hier hilft dann die Kapitalstärke der Großkonzerne. Und nicht zuletzt wollen viele der ursprünglichen Geldgeber der Craft-Brauer auch irgendwann vom Erfolg und Wachstum ihrer "Babys" in Form von Bargeld profitieren, das durch den Verkauf in ihre Taschen fließt.

revealbannerlogoGreg Koch, Chef von Stone Brewing, hält die Übernahmen für einen Schlag der Brauerei-Größen gegen das aufstrebende Craft-Bier-Segment:

"The industrial giants that worked for decades to marginalize our segment have found their tactics ineffective. So, Big Beer decided it’s time for an age-old strategy: Purchase. Control. Obfuscate." (5)

("Die Industrieriesen, die Jahrzehnte daran gearbeitet haben, unser Segment klein zu halten, haben erkannt, dass ihre Taktik ineffektiv war. Also hat "Big Beer" entschieden, dass es Zeit für eine uralte Strategie ist: Kaufen. Beherrschen. Vernebeln.")

Die Konzerne planen mit den Übernahmen, die Reputation der Craft-Brauer zu untergraben, ihr Image zu verwässern. Der Kunde soll am Ende nach unzähligen Übernahmen nicht mehr wissen, welche Brauerei wirklich unabhängig ist.

Koch jedenfalls schließt jede Übernahme von Stone Brewing aus:

"The ideologies that Steve [Steve Wagner, Mitgründer, Präsident und Braumeister bei Stone - Anm. d. Red.] and I have been able to incorporate into Stone Brewing are of incalculable value to us, and selling our company to Big Beer is not in our future. No matter the size of the check. Period."

("Die Überzeugungen, die Steve und ich in der Lage waren, in Stone Brewing einzubringen, sind für uns von unschätzbarem Wert, und unsere Firma an "Big Beer" zu verkaufen ist auch in Zukunft keine Option. Egal wie hoch der Scheck ist. Punkt.")

An dieser Aussage wird er sich messen lassen müssen.

Ein bitterer Geschmack bleibt in jedem Fall nach jedem Aufkauf in den Kehlen der Craft-Bier-Liebhaber zurück. Und sei es nur die Enttäuschung darüber, dass wieder ein Teil der romantischen Idee der freien Craft-Bier-Brauer an der harten wirtschaftlichen Realität des Biergeschäfts gescheitert ist.

logo-braukunstkeller-webseiteDie deutschen Craft-Bier-Liebhaber wurden Ende Januar von der Meldung beunruhigt, dass ein Urgestein der neuen deutschen Brauer, Alexander Himburgs "Braukunstkeller", Insolvenz anmelden musste (2). Nach seiner Erklärung im Online-Magazin Beerkeeper (3) war der Grund, dass einer der Hauptinvestoren selbst mit seinem Unternehmen insolvent wurde und dadurch die Liquidität für den Braukunstkeller nicht mehr gegeben war.

Alexander Himburg wird aber als Brauer in Bayern weiterarbeiten - eventuell weitet er ja die Zusammenarbeit mit der Hofmark-Brauerei in Cham aus, die schon das Gemeinschaftsprojekt Sunrise Session IPA braut und in der Craft-Bier-Szene als Importeur der BrewDog-Biere bekannt ist. Der Nachschub an Amarsi, Laguna und Mandarina IPA scheint jedenfalls gesichert - und vielleicht taucht der Braukunstkeller ja auch bald wieder als Brauerei auf.

BierzaubereiAm gleichen Tag verkündete der "Bierzauberer" Günther Thömmes, dass er sein Projekt "Bierzauberei" einstellt und einen Käufer dafür sucht. Bei ihm ging es nach seiner Aussage in (4) hauptsächlich um die unwirtschaftliche Vertriebsstruktur für seine Biere, die ihn über die Jahre zu viel Zeit gekostet hat.

Auch diese beiden Fälle zeigen, dass die Kreativität und das Brauen beim Betrieb einer Brauerei zwar wichtige Bestandteile darstellen, aber eben nur zwei Aspekte unter vielen Anderen eines Wirtschaftsunternehmens sind. Wenn eine Firma langfristig bestehen soll, müssen auch Finanzierung, Marketing, Vertrieb und Logistik stimmen. Craft-Brauer, die langfristig bestehen wollen, müssen wirtschaftlich professionell arbeiten - und dafür viel Zeit aufwenden, die sie eigentlich lieber beim Brauen verbringen würden.


Quellen:

  1. Fortune.com: Anheuser Busch-InBev Buys Third Craft Brewer in 5 Days
  2. Amtsgericht Darmstadt: Veröffentlichung im Insolvenzverfahren Braukunstkeller Gmbh
  3. Online-Magazin Beerkeeper: Alexander Himburg zum Braukunstkeller
  4. Günther Thömmes: facebook-Beitrag unter "Bierzauberei"
  5. Greg Koch: Stone Brewing just says no to 'Big Beer'
  6. Brewers Association: Craft Brewer Defined
Alle Webseiten besucht im Februar 2016.

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