„Kann man das heute schon trinken?“

Schaubild

Ein Leitfaden für gelungene Hobbybraukurse

Was ist die Zielgruppe?

Braukurse gibt es sol­che und sol­che. Ich sel­ber be­kam ein­mal ei­ne Teilnahme in Form ei­nes Erlebnisgutscheins ei­ner nam­haf­ten Eventagentur ge­schenkt. In der aus­rich­ten­den Brauerei fand sich mor­gens ein Rudel von Freibiergesichtern ein, de­nen es ähn­li­ch er­gan­gen war. Zur Begrüßung gab es ein Bier, nach ca. 10 Minuten Gerätekunde ein wei­te­res, nach 15 Minuten Rohstoffkunde ein wei­te­res, und zur Brotzeit so­wie­so. In die­ser Schlagzahl ging es wei­ter, wäh­rend ir­gend­wo im Hintergrund wohl auch ein Sud ge­braut wur­de. So ge­nau hat das aber nie­mand mehr mit­be­kom­men. Und brau­en hat man da­durch schon gar nicht ge­lernt. Soweit als ab­schre­cken­des Beispiel.

Manche Hobbybrauer füh­len sich mit fort­schrei­ten­der Erfahrung be­ru­fen, ihr Wissen in Form ei­nes Kurses an Interessierte wei­ter­zu­ge­ben. Damit dies ge­lingt, soll­te man sich früh­zei­tig Gedanken über Inhalte und Form ma­chen, da­mit dies so­wohl für Teilnehmer als auch Dozent zu ei­nem er­folg­rei­chen Erlebnis führt. Ich sel­ber hat­te schon mehr­fach Gelegenheit, Brauseminare zu hal­ten, von klas­si­schen Volkshochschulkursen über das Studium Generale bis hin zu Imageveranstaltungen kom­mer­zi­el­ler Brauereien. Ein Zitat des Braumeisters ei­ner sehr be­kann­ten Weißbierbrauerei ist mir da­bei ganz be­son­ders in Erinnerung ge­blie­ben:

„Wenn ich das bei mir im Sudhaus ma­che, steht man ei­nen Tag lang vor der ge­schlos­se­nen Verrohrung, und ich sa­ge bloß, hier drin pas­siert Schritt A, dort drin Schritt B, und so wei­ter. Wenn das aber ein Hobbybrauer auf sei­ner Anlage macht, dann kann man die Maische se­hen, schme­cken, rie­chen, füh­len… Das ist Brauen mit al­len Sinnen!“

Das leidige Thema Alkohol

Das soll jetzt nicht hei­ßen, dass sol­ch ein Braukurs ei­ne kno­chen­tro­cke­ne Angelegenheit sein muss. Dennoch tut man gut dar­an dar­auf zu ach­ten, dass das Event nicht früh­zei­tig, wie ein­gangs ge­schil­dert, zur rei­nen Trinkerveranstaltung mu­tiert. Natürlich gibt es auch bei mir Bier zu trin­ken, al­ler­dings er­st zur Brotzeit wäh­rend der Mittagspause: Meist ein mit­ge­brach­tes ei­ge­nes Bier, um ein Beispiel für da­heim er­ziel­ba­re Ergebnisse zu brin­gen. Aber selbst da ist es manch­mal schwie­rig, nach der Brotzeit den Faden wie­der auf­zu­neh­men. Und dann wie­der ganz am Ende, ger­ne auch ein paar ex­tre­me­re Biere um die Bandbreite von Bier zu zei­gen, ge­wis­ser­ma­ßen als Belohnung für die­je­ni­gen, die bis zum Schluss aus­ge­harrt und beim Aufräumen mit­ge­hol­fen ha­ben.

BrotzeitDer Versuch, ei­nen Braukurs von Anfang an mit aus­ge­dehn­ten Verkostungen zu kom­bi­nie­ren, birgt aber nicht nur die Gefahr, dass die Teilnehmer ab­drif­ten und kaum no­ch fürs Brauen zu mo­ti­vie­ren sind, son­dern auch für den Dozenten, sich so­wohl zeit­li­ch als auch the­ma­ti­sch zu ver­zet­teln. Es emp­fiehlt sich da­her, den ei­gent­li­chen Braukurs und ge­ge­be­nen­falls ei­ne Verkostung auf un­ter­schied­li­che Tage zu split­ten. Mehr da­zu wei­ter un­ter zum Thema Nachtreffen.

Gedanken zu Anlage, Location und Setting

Mein er­klär­tes Ziel ist zu zei­gen, dass man mit nur we­nig mehr als haus­halts­üb­li­chen Mitteln Bier in un­ta­de­li­ger Qualität sel­ber brau­en kann. Um die Teilnehmer zur Nachahmung zu mo­ti­vie­ren an­statt sie durch ei­nen Hardware-Overkill zu ver­schre­cken, soll­te man sich bei der Brauanlage be­wusst be­schei­den. Gut be­währt hat sich bei mir ent­we­der ein Einkocher oder ei­ne Hockerkocher-Pfanne oh­ne Rührwerk, und zum Läutern ein Thermoport oder auch nur ein Eimer mit Panzerschlauch. Das war es fast schon. Anlagen mit ho­her Automatisierung, wie et­wa der Speidel Braumeister, so reiz­voll die­se auch sein mö­gen, de­gra­die­ren die Teilnehmer eher zu rei­nen Zuschauern. Je mehr es sel­ber ma­nu­ell zu tun gibt, desto bes­ser!

Damit je­der mal sel­ber Hand an­le­gen kann, pfle­ge ich spon­tan wech­seln­de Aufgaben zu de­le­gie­ren. Beispiele da­für sind schro­ten, ein­mai­schen, rüh­ren, Temperaturen mes­sen und Rasten über­wa­chen, um­schöp­fen, an­schwän­zen, Hopfen ge­ben und vie­les mehr. Und na­tür­li­ch spü­len, so­bald et­was nicht mehr ge­braucht wird. Damit es für je­den mal et­was zu tun gibt, hat sich bei mir ei­ne Grenze von 15 Teilnehmern be­währt. Jeden Teilnehmer auf ei­ner ei­ge­nen Anlage brau­en zu las­sen – was di­dak­ti­sch ide­al wä­re – wird man kaum leis­ten kön­nen. Stattdessen kann man aber dar­über nach­den­ken, bei grö­ße­ren Gruppen auf zwei Anlagen syn­chron zu brau­en. Das kann zu­sätz­li­ch ent­we­der ein Speidel sein, der au­to­nom im Hintergrund läuft. Oder, bes­ser no­ch, ein paar en­ga­gier­te Teilnehmer, die auf ei­ner klei­ne­ren Minimal-Anlage (z.B. Einkocher und Panzerschlauch) al­le Schritte selb­stän­dig nach­ah­men, die wir auf der grö­ße­ren Anlage vor­ma­chen.

Die Anforderungen an die Räumlichkeit hän­gen zwar auch von der ver­wen­de­ten Anlage ab, las­sen sich aber idea­ler­wei­se wie folgt zu­sam­men­fas­sen:

  • Raum mit gu­ter Lüftung (v.a. bei Flüssiggas-befeuerten Anlagen) und un­emp­find­li­chem Boden
  • Stabiler, stand­fes­ter Tisch für die Brauanlage (Standfestigkeit un­be­dingt prü­fen!)
  • Wasserhahn (idea­ler­wei­se mit Schlauchanschluss) und Stromanschluss (bei elek­tri­scher Heizung oder Nachgussbereitung)
  • Spülgelegenheit in der Nähe. Bodenablauf wä­re ide­al, wird aber sel­ten vor­han­den sein.
  • Flipchart oder Wandtafel
  • Sitzgelegenheiten (z.B. Bierbänke), um nicht die gan­ze Zeit ste­hen zu müs­sen, und ein Tisch für die Brotzeit

Das kann jetzt ent­we­der ei­ne Volkshochschul-Versuchsküche sein, der Nebenraum ei­ner Gaststätte, das Sudhaus ei­ner Brauerei oder so­gar ein Zelt auf dem Hof. Nur ei­ner Versuchung soll­te man wi­der­ste­hen: Sich als schmü­cken­des Beiwerk ei­ner grö­ße­ren Publikumsveranstaltung mit Laufkundschaft en­ga­gie­ren zu las­sen: Das Publikum guckt dann im Vorbeigehen kurz in den Topf, sieht, dass wo­mög­li­ch ge­ra­de nichts Spannendes pas­siert, macht ge­ge­be­nen­falls no­ch dum­me Kommentare wie „wird das die Suppe zum Abendessen?“ und zieht wei­ter. Ich ha­be dar­aus mei­nen Teil ge­lernt und ma­che nur no­ch ge­schlos­se­ne Veranstaltungen mit Teilnehmern, die von Anfang bis Ende da­bei sind.

Die Choreografie

Jeder Hobbybrauer kennt das: Es gibt so­wohl Phasen, in de­nen viel Action ist und viel pas­siert (z.B. Schroten und Einmaischen, Abmaischen und Läutern, Whirlpool und Ausschlagen), aber auch län­ge­re Phasen, in de­nen ver­gleichs­wei­se we­nig los ist (län­ge­re Rasten und v.a. das Würzekochen). Hier ist das Geschick des Dozenten ge­fragt, Theorieblöcke wie Erklärung der ein­zel­nen Rohstoffe auf die ver­gleichs­wei­se ru­hi­gen Phasen zu le­gen, um dann wie­der für die prak­ti­schen Tätigkeiten frei zu sein.

In der fol­gen­den Tabelle ha­be ich bei­spiel­haft ei­nen Ablauf der ein­zel­nen Themen dar­ge­stellt, wie er sich bei mir bes­tens be­währt hat. Das muss na­tür­li­ch nicht im­mer skla­vi­sch ge­nau so ab­lau­fen, vor al­lem wenn sich die Diskussion auf un­ge­ahn­te Themen hin­be­wegt. Generell ist aber ein häu­fi­ger Wechsel zwi­schen Theorie- und Praxisblöcken, viel­leicht ver­bun­den auch mit ei­nem räum­li­chen Wechsel zwi­schen Brauanlage und Tafel von ei­ner Seite des Raums auf die an­de­re, für die Teilnehmer ab­wechs­lungs­rei­cher und beugt auch früh­zei­ti­ger geis­ti­ger Ermüdung vor.

Ablauf SeminarWas man zeigen (und brauen) sollte

Das mag sich jetzt spie­ßig an­hö­ren, aber ir­gend­wie trägt man ja auch die Verantwortung für ei­ne er­folg­rei­che zu­künf­ti­ge Hobbybrauer-Karriere der Teilnehmer. Daher soll­te man be­wusst ein­fach, aber fun­diert ar­bei­ten und ganz be­wusst auf un­nö­tig kom­pli­zier­te, vor al­lem aber auch auf zwei­fel­haf­te und nicht all­ge­mein an­er­kann­te Techniken ver­zich­ten, selbst wenn sich die­se da­heim be­währt ha­ben mö­gen. Beispiele für eher kom­pli­zier­te und da­mit zu­nächst ab­schre­cken­de Verfahren wä­ren et­wa Dekoktionsmaischen oder zu­nächst auch Hopfenstopfen, für zwei­fel­haf­te Techniken das Aufstreuen von Hefe; vom Flaschenbacken, Grünschlauchen nach Gefühl und dem viel­ge­schol­te­nen Gartenschlauch ganz zu schwei­gen.

Jeder Dozent wird na­tür­li­ch sei­nen ganz ei­ge­nen Stil ha­ben und pfle­gen. Der ei­ne legt mehr Wert auf fun­dier­te Theorie, der an­de­re auf er­leb­te Praxis, der drit­te auf schmü­cken­de Anekdoten. Dagegen ist auch gar nichts ein­zu­wen­den, so­lan­ge der Stil zum Publikum passt. Am wich­tigs­ten ist es in mei­nen Augen, dass man mit sei­ner ei­ge­nen Begeisterung für das Thema Bier (denn son­st hiel­te man ein sol­ches Seminar nicht) au­then­ti­sch her­über­kommt und da­mit die Begeisterung der Teilnehmer ent­facht. Und auch wenn je­der Dozent sei­ne ganz ei­ge­nen, für ihn be­währ­ten Handgriffe und Verfahren ent­wi­ckelt hat, die ab­zu­schau­en wert­voll sein kann, so soll­te man nicht die ei­ge­ne Person in den Mittelpunkt stel­len. Das in­di­vi­du­el­le Vorgehen, das man zeigt, ist im­mer nur ein mög­li­cher Weg zum Ziel und kei­nes­falls der ein­zig rich­ti­ge Weg!

Damit stellt sich auch die Frage nach ei­nem ge­eig­ne­ten Demo-Rezept. Im Sinne der pro­blem­lo­sen Reproduzierbarkeit durch die Teilnehmer da­heim soll­te es ein ein­fa­ches Rezept sein, ober­gä­rig mit Trockenhefe und Flaschengärung. Eigentlich wä­re da­für Weißbier ide­al, wenn es denn ei­ne brauch­ba­re Weißbier-Trockenhefe gä­be, und wenn es nicht hy­gie­ni­sch so an­fäl­lig wä­re. Lieber braue ich ein Pale Ale im wei­tes­ten Sinne. Als per­fekt für Braukurse hat sich bei mir Michael Plums „ober­gä­ri­ger Maibock“ her­vor­ra­gend be­währt, sie­he Link http://www.maischemalzundmehr.de . Das ist ein­fach ge­nug, ge­lingt ziem­li­ch si­cher, und hat viel Charakter und ei­ne ho­he Drinkability.

Anschauungsmaterialien und Requisiten

Ohne dass der Kurs in ei­ne Materialschlacht aus­ar­ten soll­te, ist es gut, wenn man so­wohl zur Rohstoff- als auch Gerätekunde ein paar zu­sätz­li­che Anschauungsobjekte da­bei hat. Zum Thema Malz kann das et­wa das be­kann­te Malz-Schaubild aus Bamberg sein, aber auch ein paar Schüsselchen oder Tütchen mit Pilsner, Münchner und Weizenmalz so­wie ein paar un­ter­schied­li­che Caramalze zum Knabbern und Erkennen der Unterschiede (re­gel­mä­ßig wird da­bei das Münchner Malz als am schmack­haf­tes­ten be­wer­tet und ist am ehes­ten leer­ge­ges­sen!). Dann ein eu­ro­päi­scher Nobelhopfen und ein ame­ri­ka­ni­scher C-Hopfen zum Schnuppern. Ein Tütchen Trocken- und Flüssighefe.

Damit man nicht nur ei­nen Weg dog­ma­ti­sch vor­gibt, kann man an pas­sen­der Stelle al­ter­na­ti­ve Geräte zu­min­dest „tro­cken“ zei­gen, um auch auf an­de­re Möglichkeiten hin­zu­wei­sen. Etwa ei­nen Panzerschlauch, wenn man mit dem Senkboden ar­bei­tet, ein Refraktometer statt Spindel, ein Plattenwärmetauscher an­statt Eintauchkühler und der­glei­chen mehr.
Passend zur oben ge­zeig­ten Choreografie ha­be ich ein paar Plakate oder Folien vor­be­rei­tet, an de­nen ich die we­sent­li­chen Theorieblöcke er­klä­re, und die die Teilnehmer an­schlie­ßend als aus­ge­druck­tes Skript mit­be­kom­men. Im Einzelnen sind dies:

  • Rohstoffkunde Malz (Mälzen, Basis- und Spezialmalze, da­von be­ein­fluss­te Aromen)
  • Gerätekunde (Pfannen und Bottiche)
  • Der in­dus­tri­el­le Brauprozess (Schaubild des Brauerbundes)
  • Maischarbeit und Verzuckerung (Amylasen, Optimaltemperaturen, un­ter­schied­li­che Maischverfahren wie Dekoktion, Infusion, Kombirast)
  • Die Stoffumwandlung vom Malz über den Extrakt bis zum Alkohol und CO2
  • Rohstoffkunde Hopfen (Bitter- und Aromahopfen, Hopfengaben, da­von be­ein­fluss­te Aromen)
  • Würzekochung und Hopfung (Aufgaben, Berechnung der Bittere)
  • Rohstoffkunde Wasser (Härte und Restalkalität, da­von be­ein­fluss­te Bierstile)
  • Rohstoffkunde Hefe (Ober- und un­ter­gä­rig, da­von be­ein­fluss­te Bierstile)
  • Hygiene, Abkühlen, Anstellen (Reinigungs- und Desinfektionsmöglichkeiten)
  • Karbonisierung bei Flaschengärung (Vorgehen, Berechnung der Karbonisierung)

Ganz ohne Rechnen geht es nicht!

Auch wenn man die Teilnehmer, ab­hän­gig von de­ren Vorbildung, nicht mit ei­nem Übermaß an Chemie und Mathematik ver­schre­cken möch­te, so ist es mir doch ein zen­tra­les Anliegen, dass je­der Hobbybrauer zu­min­dest drei ein­fa­che Berechnungen zwin­gend be­herr­schen soll­te:

  • Bittereinheiten ab­hän­gig von Alphasäuregehalt des Hopfens
  • Restalkalität aus Gesamt und Karbonathärte, ggf. Milchsäuredosierung
  • Zuckermenge als Speise zur Karbonisierung

Auch wenn ich auf die gän­gi­gen Onlinerechner hin­wei­se (auch im Handout), füh­re ich die­se drei Rechnungen (nebst der Sudhausausbeute) von Hand am Flipchart oder der Tafel vor, um zu zei­gen, dass das al­les kei­ne gro­ße Hexerei ist. Auf ei­nem wei­te­ren Flipchart-Blatt ent­steht von Anfang an ein groß­for­ma­ti­ges Sudprotokoll mit al­len Schritten und Werten, um die Teilnehmer gleich ans Protokollieren zu ge­wöh­nen. Am Ende un­ter­schrei­ben das dann al­le „Biersieder“, und die meis­ten fo­to­gra­fie­ren es dann so­gar stolz!

Neben all der schnö­den Theorie ist aber die wich­tigs­te Erkenntnis ei­nes Braukurses, zu er­le­ben, wie sich die an­fäng­li­che un­an­sehn­li­che „Haferflockensuppe“ durch die wie­der­hol­ten Schritte der Läuterung und Klärung in kla­re Würze und spä­ter Bier ver­wan­delt. Auch zu se­hen, zu füh­len und zu schme­cken, wie sich die Maische im­mer mehr ver­flüs­sigt und zu­cker­süß wird, sorgt re­gel­mä­ßig für Erstaunen. Auch wenn man die Teilnehmer manch­mal zum Kosten er­st müh­sam über­re­den muss.

Man soll­te sich als Dozent aber dar­über klar sein, dass man ei­ne ge­wis­se Gratwanderung zu be­wäl­ti­gen hat: Einerseits ein Bewusstsein für den Aufwand beim Brauen und die Komplexität der Materie zu we­cken: Manche Teilnehmer sa­gen ei­nem an­schlie­ßend, dass sie das zu­vor ver­meint­li­ch pri­mi­ti­ve und ple­be­ji­sche Getränk Bier nun mit völ­lig an­de­ren Augen und viel hö­he­rer Wertschätzung se­hen. Andererseits nicht durch zu ho­he Komplexität zu ver­schre­cken und zu de­mo­ti­vie­ren, das gan­ze ein­mal sel­ber aus­zu­pro­bie­ren.

Literatur und Handouts

Als Skript zum Mitnehmen be­kom­men die Teilnehmer in mei­nen Seminaren:

Daneben le­ge ich im­mer ei­ne Reihe emp­foh­le­ner Bücher zur Ansicht aus, wie bei­spiels­wei­se den Hanghofer (als eta­blier­tes und um­fas­sen­des Einsteigerbuch) und den Narziß (um die Bandbreite zu zei­gen…) so­wie den Randy Mosher (für die­je­ni­gen, die sich nicht von eng­li­scher Sprache ab­schre­cken las­sen). Und dann kann man na­tür­li­ch auch den Aktenordner mit der ge­sam­mel­ten Zoll-Korrespondenz zei­gen:

Die liebe Biersteuer

Natürlich soll­te man die Teilnehmer dar­auf hin­wei­sen, dass sie, wenn sie es da­heim aus­pro­bie­ren, das Hauptzollamt zu­vor da­von un­ter­rich­ten soll­ten. Aber auch beim Braukurs sel­ber ist Biersteuer ein Thema. Die Homepage des Zoll sagt da­zu:

Brauen zu Demonstrationszwecken
Im Gegensatz zum Haus- und Hobbybrauen ist die Herstellung von Bier zu Demonstrationszwecken (z.B. bei Messeauftritten, Dorffesten, zu Unterrichtszwecken in Schulen etc.) nicht steu­er­frei. Sie müs­sen als Hersteller dem zu­stän­di­gen Hauptzollamt Zeitpunkt, Ort und vor­aus­sicht­li­che Menge vor der Bierherstellung form­los an­zei­gen. Nach Abschluss der Veranstaltung müs­sen Sie ei­ne Biersteueranmeldung (Formular 2075) über die Menge und den Stammwürzegehalt des er­zeug­ten Bieres ab­ge­ben und die Steuer so­fort ent­rich­ten. Das zu­stän­di­ge Hauptzollamt kann bei klei­nen Biermengen und ho­hem Aufwand für die Ermittlung des Stammwürzegehaltes ei­ne Anmeldung mit ei­nem pau­scha­len Stammwürzegehalt von 12 Grad Plato zu­las­sen.

Damit soll­te ei­gent­li­ch al­les schon ge­sagt sein! Auch wenn ich Dozenten ken­ne, die die im Kurs er­zeug­te Würze an­schlie­ßend, auch aus hy­gie­ni­schen Gründen, ver­wer­fen und da­mit gar nicht er­st steu­er­pflich­tig wer­den. Oder die Würze er­st da­heim mit Hefe an­stel­len (was spitz­fin­der­wei­se als ei­gent­li­che Bierherstellung gilt) und die­se so der hei­mi­schen Freimenge zu­rech­nen. In die­sem Fall dürf­te das Bier aber ge­nau ge­nom­men auch nicht an­schlie­ßend an die Teilnehmer ver­teilt wer­den, weil es dann nicht mehr für den ei­ge­nen Bedarf ist…

Ich sel­ber hal­te das Verwerfen der Würze für de­mo­ti­vie­rend den Teilnehmern ge­gen­über, die ja ihr Produkt spä­ter auch ver­kos­ten und nicht nur für den Ausguss ge­braut ha­ben wol­len! Und wenn der Dozent er­st da­heim im stil­len Kämmerchen an­stellt, fehlt im ei­gent­li­chen Kurs ein ganz wich­ti­ger Schritt. Also mel­de ich ganz brav mein Schaubrauen vor­her beim Zoll an, über­wei­se di­rekt im Anschluss die paar Euro Biersteuer, und bin so auf der si­che­ren Seite, oh­ne mi­ch auf ir­gend­wel­che Spitzfindigkeiten ein­las­sen zu müs­sen.

Wie geht es weiter?
Vom Zerlegen der Beute und Weitertragen der Flamme

Damit wä­re auch schon ein nur schwer lös­ba­res Problem ein­tä­gi­ger Braukurse an­ge­spro­chen: Aus Zeitgründen kann man ei­gent­li­ch nur den Sud zei­gen, vom Schroten bzw. Einmaischen bis zum Ausschlagen bzw. Anstellen. Das Brauen aber nur auf den Sud zu re­du­zie­ren wä­re aber ein gro­ßer Fehler und wür­de zu fal­schen Schlüssen füh­ren. Eine ver­gär­ba­re Würze zu pro­du­zie­ren ha­ben die meis­ten no­ch ge­schafft, aber vie­le Probleme stel­len sich er­st bei der Gärung und Abfüllung im Anschluss. Dies nur theo­re­ti­sch er­klä­ren zu kön­nen ist ir­gend­wie un­be­frie­di­gend.

Für das, was an­schlie­ßend mit der Würze pas­siert, ken­ne ich un­ter­schied­lichs­te Ansätze. Vom un­be­frie­di­gen­den Wegschütten war im vor­he­ri­gen Absatz be­reits die Rede. Manche Dozenten hin­ge­gen ge­ben den Teilnehmern die Würze et­wa in Mineralwasserflaschen mit heim, um die­se sel­ber zu ver­gä­ren, was ich aber aus ver­schie­de­nen Gründen für et­was be­denk­li­ch hal­te. Andere Dozenten ver­tei­len ca. ei­ne Woche spä­ter nach der Hauptgärung das ab­ge­füll­te Jungbier, da­mit die Teilnehmer sel­ber die Flaschengärung durch­füh­ren und ab­war­ten.

Mir sel­ber ist hin­ge­gen fol­gen­des Vorgehen am liebs­ten: Der ei­gent­li­che Kurs geht bis zum Kühlen und Anstellen mit Hefe. Anschließend ver­gä­re ich das Bier bei mir da­heim, fül­le es ab, ma­che die Nachgärung und Reifung. Während des­sen schi­cke ich aber al­le paar Tage den Teilnehmern ei­ne Rundmail oder Whatsapp mit Updates: Was ich je­weils ge­tan ha­be, wo der Restextrakt ge­ra­de ist, bei wel­cher Temperatur das Bier steht, Fotos von den Kräusen, vom Umschlauchen und vom Abfüllen. Und dann tref­fen wir uns et­wa 4 bis 8 Wochen spä­ter für ei­nen Abend zu ei­nem zwang­lo­sen Nachtreffen.

Beim Nachtreffen gibt es dann wie­der ei­ne Brotzeit oder ein Grillen, und da­zu wird ein Teil des ge­mein­sa­men Produkts ver­kos­tet und na­tür­li­ch gleich ge­trun­ken. Die üb­ri­gen Flaschen wer­den zum Mitnehmen ver­teilt. Dieses Nachtreffen wird im­mer sehr gut an­ge­nom­men und ist stets ein sehr fröh­li­cher und net­ter Abend mit Diskussionen rund ums Bier, die sich oft bis weit in die Nacht zie­hen. Vor al­lem kann da­bei end­li­ch auch der Dozent, der wäh­rend des Kurses die gan­ze Zeit „un­ter Feuer stand“, nun auch sel­ber et­was ent­span­nen, zwang­los plau­dern und et­was da­bei trin­ken.

Ein ganz be­son­de­res Erfolgserlebnis ist es aber, wenn zum Nachtreffen man­che Teilnehmer sel­ber schon ihr ers­tes da­heim selbst­ge­brau­tes Bier mit­brin­gen! Oft sind ganz her­vor­ra­gen­de Biere da­bei. Und was könn­te es für ei­nen bes­se­ren Beweis da­für ge­ben, dass es beim Seminar ge­lun­gen ist, von der ei­ge­nen Begeisterung et­was ab­fär­ben zu las­sen und den Hobbybrauer-Virus wei­ter­zu­ge­ben!


Alle Fotos: Joachim Bull
Erwähnte Literatur:
Hubert Hanghofer: Gutes Bier selbst brau­en, Schritt für Schritt – mit Rezepten
BLV Buchverlag München, 2016
Taschenbuch, 144 Seiten
Ludwig Narziß: Abriss der Bierbrauerei
Wiley-VCH Verlag Weinheim/Berlin, 8. Auflage 2017
Taschenbuch, 486 Seiten
Randy Mosher: Mastering Homebrew, The Complete Guide to Brewing Delicious Beer
Chronicle Books San Francisco, USA, 1. Auflage 2015
Taschenbuch, 384 Seiten

Ein Kommentar zu “„Kann man das heute schon trinken?“

  1. olem_deolem_de

    Hallo Moritz.
    Sehr schön Dein Erfahrungsbericht. Vieles ha­be ich als Dozent eben­so emp­fun­den und den­no­ch konn­te ich auch ei­ni­ges in mein Repertoire auf­neh­men. Mir ge­fällt an die­sem Magazin auch das eben sol­che Themen ein­mal an­ge­spro­chen wer­den. Im Sinne von : „Den Hobbybrauer-Virus wei­ter zu ver­tei­len!“

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