Blick hinter die Kulissen beim European Beer Star

Am 7. Oktober fand nun schon zum 13. Mal die Verkostung zum European Beer Star in der Doemens-Akademie in Gräfelfing statt. Sowohl hin­sicht­li­ch der Anzahl ein­ge­reich­ter Biere als auch der be­wer­te­ten Sorten und der teil­neh­men­den Juroren wur­den aber­mals Rekordmarken ge­setzt – ein Beleg für das un­ge­bro­chen stei­gen­de Interesse an viel­fäl­ti­gen Bieren.

Der langjährige Doemens-Leiter Wolfgang Stempfl

Der lang­jäh­ri­ge Doemens-Leiter Wolfgang Stempfl

Gräfelfing ist ein an­sons­ten eher be­schau­li­cher Villenvorort im Speckgürtel Münchens. Im al­ten Ortskern, di­rekt an der Würm, liegt et­was ver­steckt die Doemens-Akademie, die in der Brauerszene als Meisterschule, Beratungsinstitut und  Geburtsort der Biersommelier-Ausbildung be­kannt ist. Nur ei­ne Woche nach dem Ende des Münchner Oktoberfests, bei dem es eher auf Masse als auf Sortenvielfalt an­kommt, ist Gräfelfing der un­be­strit­te­ne Nabel der Bierwelt.

Hier ist der Austragungsort der Verkostung zu ei­nem der här­tes­ten und pres­ti­ge­träch­tigs­ten Bierwettbewerbe welt­weit, dem European Beer Star, der vom Verband Private Brauereien aus­ge­rich­tet wird.

Wer darf teilnehmen?

Anmeldezahlen 2016

Anmeldezahlen bis 2016

Es han­delt sich um ei­nen of­fe­nen Wettbewerb, an dem ge­werb­li­ch be­trie­be­ne Brauereien aus der gan­zen Welt mit ih­ren kom­mer­zi­ell ver­mark­te­ten Bieren teil­neh­men kön­nen. Obwohl die Teilnahmegebühr mit gut 200 Euro über­schau­bar ist, kön­nen da­her Gypsy-Brewer oh­ne ei­ge­ne Brauerei eben­so we­nig teil­neh­men wie Hobbybrauer. Aber auch so konn­ten sich die Veranstalter nicht über man­geln­des Interesse be­kla­gen, ganz im Gegenteil: 2.103 ver­schie­de­ne Biere in 57 Kategorien sind ei­ne er­neu­te Steigerung um sie­ben Prozent ge­gen­über dem er­folg­rei­chen Vorjahr.

Der Fokus liegt auf tra­di­tio­nel­len eu­ro­päi­schen Bierstilen, von klas­si­schen Sorten wie German Style Pilsener bis hin zu Exoten wie holz­fass­ge­reif­tem Starkbier, Belgian Style Fruit Sour Ale, Imperial India Pale Ale und Baltic Style Porter, um will­kür­li­ch ein paar we­ni­ge zu nen­nen. In je­der Kategorie wird nur je­weils ein­mal Gold, Silber und Bronze ver­ge­ben, un­ab­hän­gig von der Zahl der Einreichungen. Verglichen mit den 271 Bieren des ers­ten Jahres 2004 wird der Wettbewerb al­so im­mer här­ter …

Logistischer Kraftakt

Kühlcontainer

Die Kühlcontainer-Flotte im Hof. Juroren müs­sen drau­ßen blei­ben.

Die Doemens-Akademie, die im Wesentlichen aus ei­ner grün­der­zeit­li­chen Villa und ei­nem an­ge­bau­ten Hörsaaltrakt be­steht, platzt wäh­rend des Wettbewerbs re­gel­recht aus al­len Nähten. Schon Wochen vor­her wer­den die ers­ten Biere an­ge­lie­fert und auf dem Hof in fünf Kühlcontainern ge­la­gert. Mit über 20.000 Flaschen ent­steht tem­po­r­är wohl ei­nes der ab­wechs­lungs­reichs­ten Bierlager Deutschlands.

Die Liste der 124 ver­kos­ten­den Judges liest sich wie das Who’s-who der Braumeister-, Biersommelier- und Fachjournalistenszene. Die 15 Verkostungsteams mit je­weils acht bis zehn Juroren be­le­gen wäh­rend des Wettbewerbs sämt­li­che ver­füg­ba­ren Hörsäle und aus Platzgründen so­gar das Sudhaus, so­dass der re­gu­lä­re Vorlesungsbetrieb ru­hen muss. Das ist auch gut so, sind doch al­le ver­füg­ba­ren Schüler oh­ne­hin zum Sortieren, Einschenken und Servieren der Biere ein­ge­setzt.

In die­sen Räumlichkeiten ist ei­ne wei­te­re Steigerung der Teilnehmerzahl nicht mehr vor­stell­bar. Da Doemens aber oh­ne­hin ein paar Straßen wei­ter ei­nen Neubau plant, kann man ge­trost in die Zukunft bli­cken.

Besuch am Jurorentisch

Einschenken im Vorbereitungsraum

Einschenken im Vorbereitungsraum

Jede Kategorie wird von sol­ch ei­nem Jurorenteam blind be­wer­tet. Kriterien sind un­ter an­de­rem die Optik, der Schaum, der Geruch, na­tür­li­ch der Geschmack, Rezenz und Einbindung der Bittere so­wie die sort­en­ty­pi­sche Ausprägung. Ein Bier, das nicht ex­akt sei­ner Kategorie ent­spricht, hat da­her kei­ne Chance, wie gut es auch sein mag. Nur wenn in ei­ner Kategorie mehr Biere ge­mel­det sind, als von ei­nem Verkostungsteam par­al­lel be­wäl­tigt wer­den kön­nen, wird die Kategorie in ei­ne Vor- und Hauptrunde ge­split­tet. Nachdem die Juroren am Tisch al­le der ih­nen an­ony­mi­siert vor­ge­setz­ten Proben be­wer­tet und be­punk­tet ha­ben, wer­den die Bewertungen dis­ku­tiert und die Gold-, Silber- und Bronze-Gewinner die­ser Kategorie im Konsens be­stimmt. Notfalls wird so lan­ge dis­ku­tiert (da die Juroren aus 30 Ländern kom­men, ist die Wettbewerbssprache Englisch), bis ei­ne ein­hel­li­ge Meinung ge­fun­den ist.

Jurorenteam bei der Verkostung

Jurorenteam bei der Verkostung

Oliver Dawid, Geschäftsführer der Privaten Brauereien Bayern, rech­ne­te vor, dass trotz der un­glaub­li­chen Vielzahl der ver­kos­te­ten Biere je­der Juror im Lauf des Tages auf nur we­nig mehr als ei­ne Maß Bier kom­me. Es be­stehe al­so kei­ne Gefahr, an­schlie­ßend her­aus­zu­tor­keln. Michael Zepf, Geschäftsführer der Doemens-Genussakademie, schmun­zel­te aber, dass es schon an­spruchs­voll sei, wenn man gleich mor­gens mit Sorten wie Rauch-Starkbier (Kategorie 48) oder Holzfassgereiftem Sauerbier (Kategorie 21) kon­fron­tiert wer­de.

Bierprobe mit dem Weltmeister

Erster Biersommelier-Weltmeister Karl Schiffner

Erster Biersommelier-Weltmeister Karl Schiffner

Um den ge­la­de­nen Journalisten ei­nen klei­nen Einblick in die Vielfalt der Biersorten und in fach­ge­rech­tes Verkosten zu ge­ben, fand ei­gens ei­ne Bierprobe samt Brotzeit mit dem ers­ten Biersommelier-Weltmeister und lang­jäh­ri­gen Juror Karl Schiffner statt. Es war ei­ne Freude, den ös­ter­rei­chi­schen Sommelier und Gastwirt, der sich ganz dem Beer-Food-Pairing ver­schrie­ben hat, be­geis­tert über die un­ter­schied­li­chen Stile, Sinneseindrücke und Aromen re­den zu hö­ren. Um die gan­ze Varianz der Bierwelt zu de­mons­trie­ren, gab es nach ei­nem zum Aufwärmen ge­reich­ten Sauerbier ein Export, ein Weißbier, ein Dubbel, ein Imperial IPA und ein Whiskymalz-Rauchbier.

Siegerehrung auf der BrauBeviale

Die Gewinner der ein­zel­nen Kategorien wer­den am 9. November auf der Fachmesse BrauBeviale in Nürnberg be­kannt­ge­ge­ben. Obwohl die Gewinner vor­her in­for­miert wer­den, da­mit sie bei der Siegerehrung an­we­send sein kön­nen, müs­sen sie ei­ne Verschwiegenheitserklärung un­ter­zeich­nen, nichts vor­her be­kannt­zu­ge­ben. Man darf al­so ge­spannt sein!

Gruppenbild der Juroren mit Hopfenkönigin

Gruppenbild der Juroren mit Hopfenkönigin

ebs-logo


MoritzAutor Moritz Gretzschel kam, ob­wohl ge­bür­ti­ger Münchner, er­st durch sei­nen Schwiegervater aus­ge­rech­net in ei­ner ba­di­schen Weinregion mit dem Hobbybrauen in Berührung. Ein drei­jäh­ri­ger be­ruf­li­cher Aufenthalt in Michigan tat das Übrige, ihn für die Craft-Brew-Bewegung zu be­geis­tern. Seither braut er re­gel­mä­ßig da­heim, be­vor­zugt per Dekoktion. Er ar­bei­tet als Hochschulprofessor für Maschinenbau und Elektromobilität in Aalen in Württemberg.


Bildnachweis:

  • Grafik Anmeldezahlen und Logo: European Beer Star
  • Alle an­de­ren Abbildungen: Autor

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