Das Reinheitsgebot ist tot – 
lang lebe das Reinheitsgebot

Im kom­men­den Jahr, 2016, wird ein häss­li­ches Monstrum, das in Ingolstadt er­schaf­fen wur­de, ein run­des Jubiläum fei­ern. Was da­mit ge­meint ist?

Natürlich den­ke ich nur an den Schauerroman „Frankenstein“, den Mary Shelley 1816 schrieb, im Jahr oh­ne Sommer, und laut des­sen Handlung das be­rühm­te Monster tat­säch­li­ch in Ingolstadt zu­sam­men­ge­stü­ckelt wur­de [1]. Allerdings wer­den wir ver­mut­li­ch von die­sem Jubiläum kaum et­was mit­be­kom­men, dürf­te doch die öf­fent­li­che Wahrnehmung vom Jubiläum ei­ner ganz an­de­ren Ingolstädter Schöpfung do­mi­niert wer­den: des „baye­ri­schen Reinheitsgebots von 1516“, das nächs­tes Jahr gro­ßes Jubiläum be­geht. Aber hat das, was heut­zu­ta­ge als Reinheitsgebot be­wor­ben wird, wirk­li­ch no­ch et­was mit dem da­ma­li­gen her­zog­li­chen Erlass zu tun?

Was besagt es wirklich?

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Herzog Wilhelm IV. be­klem­mend rea­lis­ti­sch auf dem Totenbett. Ist sein heu­te be­kann­tes­tes Werk, das Reinheitsgebot, ge­nauso tot? [2]

Um zu ver­ste­hen, was die Vorschrift in der Landesordnung von 1516 ei­gent­li­ch be­zweck­te, müs­sen wir ein we­nig zwi­schen den Zeilen le­sen. Schauen wir uns den ent­schei­den­den Absatz im Originaltext an:

„Wir wol­len auch son­der­lich­hen dass für­an al­lent­hal­ben in un­sern stet­ten märckt­hen un auf dem lann­de zu kai­nem pier me­rer stückh dan al­lain gers­ten, hop­fen un was­ser ge­nom­men un ge­praucht sol­le werdn“.

Als ein­zi­ge er­laub­te Zutaten wer­den al­so ge­nannt: Gerste, Hopfen und Wasser. Entgegen der viel­fach ver­brei­te­ten Ansicht ist al­so von Malz gar kei­ne Rede, und es fehlt auch die Hefe. Das müs­sen wir uns nä­her an­schau­en:

Warum keine Hefe?

Das Fehlen der Hefe in der Landesordnung von 1516 hat schon viel­fach für Verwirrung und Missverständnisse ge­sorgt. Oft hört man das Argument, die Hefe sei da­mals no­ch gar nicht be­kannt ge­we­sen. Das ist aber nach­weis­li­ch fal­sch!

Zwar wur­de er­st im 19. Jahrhundert die Hefe als ein­zel­li­ger Pilz iden­ti­fi­ziert und die ge­naue Wirkung der al­ko­ho­li­schen Gärung durch Louis Pasteur ent­schlüs­selt [3], doch be­kannt war die Hefe schon viel, viel frü­her. Man war ja nicht blind und be­merk­te na­tür­li­ch, dass sich nach der Gärung ei­ne bei­ge Paste un­ten im Bottich ab­zu­set­zen pfleg­te. Und aus Erfahrung lern­te man bald, dass mit Zugabe von et­was die­ses „Zeugs“ der fol­gen­de Sud schnel­ler und in kon­stan­te­rer Qualität an­kam. Bester Beweis für die Bekanntheit der Hefe ist je­doch der ur­kund­li­ch be­leg­te Münchner Bäcker- und Brauerstreit von 1481 (35 Jahre vor dem Reinheitsgebot), in dem Herzog Albrecht IV. „der Weise“ schlich­tend klä­ren mus­s­te, ob die Bäcker den Brauern de­ren bei der Gärung ge­bil­de­te Überschusshefe nach al­tem Brauch ab­kau­fen müs­sen.

Warum wird die Hefe dann aber nicht im Reinheitsgebot er­wähnt? Ganz ein­fach: weil man sie nicht als Zutat, son­dern als Neben- oder Abfallprodukt der Bierherstellung an­sah, das nicht hin­zu­ge­fügt wer­den müs­se, son­dern viel­mehr bei der Gärung un­ver­meid­li­cher­wei­se ent­ste­he: „Nur ein gu­tes Bier kann auch ei­ne gu­te Hefe her­vor­brin­gen.“ Schließlich war no­ch bis weit ins 18. Jahrhundert hin­ein (und zum Teil dar­über hin­aus) der ku­rio­se Irrglaube der „Urzeugung“ wis­sen­schaft­li­ch weit ver­brei­tet: Bestimmte Tiere (ins­be­son­de­re Ungeziefer wie Mäuse, Maden und der­glei­chen) wür­den sich nicht durch ge­schlecht­li­che Vermehrung ver­brei­ten, son­dern aus ver­rot­ten­der Materie qua­si „von sel­ber“ ent­ste­hen. Erst Louis Pasteur (ja, ge­nau der, der schließ­li­ch auch das wah­re Wesen der Hefe er­kann­te) konn­te end­gül­tig die­sen Irrtum wi­der­le­gen.

Warum aber soll­te man in ei­ner Zutatenliste et­was re­gle­men­tie­ren, das man nicht hin­zu­fü­gen muss, son­dern das viel­mehr un­wei­ger­li­ch ent­steht? Nachdem die Hefe aber des­halb nicht ein­mal ge­nannt ist, ist of­fen­sicht­li­ch, dass es auch über­haupt nichts mit dem Gebot von 1516 zu tun hat, wenn heu­te im Biersteuergesetz aus­ge­rech­net an­hand des Hefetyps (ober- oder un­ter­gä­rig) un­ter­schie­den wird, ob Malze wei­te­rer Getreidesorten au­ßer Gerste zu­läs­sig sind.

Warum kein Malz?

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Die vier klas­si­schen Zutaten Gerstenmalz, Hopfen, Wasser, Hefe

Am Beispiel der Hefe ha­ben wir ge­se­hen, dass die Landesordnung von 1516 nur die­je­ni­gen Stoffe re­gle­men­tiert, die in die Brauerei von au­ßen ein­ge­bracht wer­den. Neben- und Zwischenprodukte be­zie­hungs­wei­se in­ter­ne Verarbeitungsschritte wer­den nicht be­trach­tet. Nun gab es da­mals kei­ne in­dus­tri­el­len Mälzereien, son­dern je­der Brauer mälz­te sel­ber, was in der Berufsbezeichnung „Brauer und Mälzer“ no­ch nach­hallt. Vom Brauer er­wor­ben und ein­ge­bracht wur­de das Getreide, das dann schon im ur­ei­gens­ten Interesse des Brauers, näm­li­ch um es über­haupt ver­zu­ckern zu kön­nen, selbst­re­dend ver­mälzt wur­de. Und selbst wenn je­mand nur ei­nen Teil sei­nes Getreides ver­mälzt hät­te, wen hät­te es in­ter­es­siert? Ging es doch pri­mär dar­um, die ver­wen­de­ten Getreidesorten zu re­gle­men­tie­ren, nicht aber, ei­nen be­stimm­ten Herstellungsprozess vor­zu­schrei­ben.

Also zeigt sich auch hier kei­ner­lei Kontinuität zwi­schen der Landesordnung von 1516 und heu­ti­ger Gesetzgebung. Laut 1516 wä­re et­wa ein Stout mit Gerstenflocken und Röstgerste zu­läs­sig (weil nur aus Gerste her­ge­stellt), nach dem Biersteuergesetz von 1993 je­doch nicht (weil zum Teil un­ver­mälzt).

Warum nur Gerste?

Die Beschränkung auf Gerste als Braugetreide be­deu­tet vor al­lem ei­nes: kein Weizen!

Gerste eig­net sich haupt­säch­li­ch als Braugetreide und kaum zum Backen. Roggen wie­der­um taugt bes­ser zum Backen als zum Brauen. Nur Weizen eig­net sich für bei­des glei­cher­ma­ßen gut. Und hier wur­de von den Wittelsbachern Regelungsbedarf ge­se­hen, um in Zeiten von Getreideknappheit das wert­vol­le Brotgetreide Weizen der Ernährung vor­zu­be­hal­ten. Gleichzeitig aber si­cher­ten sie sich in den ei­ge­nen „wei­ßen Brauhäusern“ das Monopol, Weißbier zu brau­en, was ins­be­son­de­re wäh­rend der (nur ein Jahr spä­ter fest­ge­leg­ten) som­mer­li­chen Sudpause un­ter­gä­ri­gen Braunbiers äu­ßer­st lu­kra­tiv war [4].

Für al­le an­de­ren aber war das Gebot von 1516 vor al­lem ein Anti-Weißbier-Gesetz! Für bür­ger­li­che Brauer „in den Städten, Märkten und auf dem Lande“ wur­de da­mals das so­ge­nann­te Braunbier, ein gehopf­tes Gerstenbier, fest­ge­schrie­ben. Über den Unsinn, heu­te auch aus­ge­rech­net auf Weißbier-Etiketten das 1516-Sprüchlein zu dru­cken, wer­den wir wei­ter un­ten no­ch re­den müs­sen.

Warum nur Hopfen?

Der Durchbruch von Gerste als Braugetreide fiel mit dem des halt­bar­ma­chen­den und (im Gegensatz zu frü­he­ren Grutkräutern) kul­ti­vier­ba­ren Hopfens zu­sam­men. Mit der zu­vor vor­herr­schen­den Konservierung durch Milchsäuregärung ver­trug sich der Hopfen eben­so we­nig wie mit dem bis­her häu­fig ver­brau­ten Hafer [5]. Das Gebot von 1516 ist um­ge­ben von ei­ner gan­zen Anzahl ähn­li­cher, zum teil deut­li­ch äl­te­rer, lo­kal gül­ti­ger Vorschriften (zum Beispiel Nürnberg 1303, Bamberg 1315, Weimar 1348, Weißensee 1434), die den all­mäh­li­chen Umstieg von milch­sau­ren Grutbieren auf Braunbier, al­so gehopf­tes Gerstenbier, do­ku­men­tie­ren. Neben wirt­schaft­li­chen Interessen der Herrschenden liegt ih­nen die Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit ei­nem er­schwing­li­chen Getränk zu­grun­de. Weder war die Ingolstädter Landesordnung von 1516 die er­s­te no­ch die dau­er­haf­tes­te der­ar­ti­ger Vorschriften. Und schon gar nicht war sie 500 Jahre lang un­ver­än­dert gül­tig!

Denn schon 35 Jahre da­na­ch wa­ren auch in Bayern laut ei­nem her­zog­li­chen Erlass zum Beispiel wie­der Koriander und Lorbeer als wei­te­re Zutaten baye­ri­scher Biere er­laubt. Und 1616 wer­den Salz, Wacholder und Kümmel ge­stat­tet. Erst 1868 wur­de in Bayern die Beschränkung auf Hopfen und Malz aus rein fis­ka­li­schen Interessen wie­der ge­setz­li­ch ver­an­kert, denn nach Einführung ei­ner Malzbesteuerung woll­te man die Verwendung von Malzersatzstoffen ver­mei­den [6]. Von den be­haup­te­ten 500 Jahren war das üb­ri­gens er­st im 20. Jahrhundert so ge­nann­te Reinheitsgebot al­so über wei­te Strecken gar nicht gül­tig [7]! Und je­den­falls dien­te es nicht, wie heu­te oft be­haup­tet, aus­schließ­li­ch dem ed­len Zweck, die Bevölkerung vor krank­ma­chen­den Bierzusätzen von Bilsenkraut bis Tollkirsche zu schüt­zen, son­dern haupt­säch­li­ch wirt­schaft­li­chen Interessen.

Das baye­ri­sche Reinheitsgebot von 1516 als äl­tes­tes un­ver­än­dert gül­ti­ges Lebensmittelgesetz der Welt zu be­zeich­nen, ge­wis­ser­ma­ßen als Urknall des Verbraucherschutzes mit 500-jähriger Kontinuität, ist nicht halt­bar und nichts wei­ter als ziem­li­cher Marketingschwindel.

Was ist es dann?

Wir ha­ben al­so ge­se­hen, dass we­der in­halt­li­ch no­ch his­to­ri­sch ir­gend­ei­ne Kontinuität zwi­schen der Landesordnung von 1516 und neu­zeit­li­chen Vorschriften be­steht. Der Begriff „Reinheitsgebot“ wird oh­ne­hin erst­mals im 20. Jahrhundert ver­wen­det. Und al­len­falls seit der Reichsgründung 1871 be­steht ei­ne Kontinuität in der Biersteuergesetzgebung, wo­nach für un­ter­gä­ri­ges Bier nur Gerstenmalz, für ober­gä­ri­ges Bier auch an­de­re Malze und Zucker zu­läs­sig sind. Sinn die­ser Vorschriften dürf­te vor al­lem der Marktausschluss eng­li­schen Bieres ge­we­sen sein [8].

Während fast des ge­sam­ten 20. Jahrhunderts ha­ben die deut­schen Brauereien her­vor­ra­gend von und in die­ser selbst­ge­wähl­ten „sple­ndid iso­la­ti­on“ ge­lebt. 2013 hat der Bayerische Brauerbund so­gar die Anerkennung des Reinheitsgebots als UNESCO-Weltkulturerbe ge­for­dert, und die von die­sem Werbepopanz weich­ge­klopf­ten Verbraucher glau­ben of­fen­bar tat­säch­li­ch, dass es sich hier­bei um ein 500 Jahre al­tes, welt­weit ein­ma­li­ges Kulturgut han­delt.

Was mi­ch dar­an be­son­ders auf­regt, ist die dump­fe Borniertheit vie­ler deut­scher Biertrinker, die in­zwi­schen sel­ber der fes­ten Überzeugung zu sein schei­nen, dass wir in Deutschland nur auf­grund des Reinheitsgebots schon per de­fi­ni­tio­nem das be­s­te Bier der Welt hät­ten, wäh­rend man aus­län­di­sches Bier nicht ein­mal mit dem Allerwertesten an­zu­schau­en brau­che. „Chemiebrühe? Belgische Kirschbrause? Pfui Teufel.“

Insgesamt scheint das Reinheitsgebot eher den Großbrauereien zu nüt­zen, kön­nen die­se doch in­ter­na­tio­nal mit ei­nem ver­meint­li­chen Alleinstellungsmerkmal wer­ben und im Inland dem Kunden sug­ge­rie­ren, stets ein qua­li­ta­tiv best­mög­li­ches Produkt zu er­wer­ben. Das Schlimme ist dar­an, dass das Reinheitsgebot da­mit vie­len Kleinbrauereien die Möglichkeit nimmt, sich von den Großen zu dif­fe­ren­zie­ren. Nicht nur da­durch, dass sie im Gegensatz zu vie­len un­se­rer Nachbarn zum Beispiel kei­ne sai­so­nal ge­würz­ten Sonderbiere brau­en dür­fen. Oder be­stimm­te tra­di­tio­nel­le aus­län­di­sche Bierstile wie Wit und Stout. Auch qua­li­ta­tiv kön­nen sie sich kaum no­ch ab­gren­zen, be­steht doch die Fünf-Euro-Kiste vom Discounter, so den­ken vie­le Verbraucher, auch nur aus dem glei­chen Malz, Hopfen und Wasser. Wo soll da schon ein Unterschied her­kom­men?

Es ist fast schon ein Wunder, wie gut die­se Gehirnwäsche funk­tio­niert hat. Dabei taugt das so­ge­nann­te Reinheitsgebot nicht ein­mal als Qualitätsmerkmal: Natürlich gibt es so­wohl streng nach dem Reinheitsgebot ge­brau­te, ganz ab­scheu­li­che Biere als auch ge­such­te und ge­fei­er­te Spezialitäten, die mit dem Reinheitsgebot über­haupt nichts zu tun ha­ben.

Warum lügen die Etiketten?

Dass es ein­drucks­vol­ler klingt, auf das Etikett „ge­braut nach dem baye­ri­schen Reinheitsgebot von 1516“ zu schrei­ben an­statt „ge­braut nach dem vor­läu­fi­gen Biersteuergesetz von 1993“, auch wenn die Ähnlichkeiten sehr be­grenzt sind, dar­an ha­ben wir uns schon ge­wöhnt. Als be­son­ders är­ger­li­ch emp­fin­de ich es aber, wenn das 1516-Sprüchlein aus­ge­rech­net auf Weißbierflaschen auf­taucht. Wird da­bei doch grob die Tatsache ver­kannt, dass das Gebot von 1516 pri­mär ein Anti-Weißbier-Gesetz war, in­dem es nur Gerste er­laub­te!

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So et­was soll­te ei­gent­li­ch als ir­re­füh­rend ver­bo­ten ge­hö­ren: Das 1516-Sprüchlein aus­ge­rech­net auf ei­nem Weißbier

Natürlich ist Weizenbier nicht schlech­ter als Gerstenbier, aber dar­auf aus­ge­rech­net mit 1516 zu wer­ben ist voll­kom­men ab­surd und ei­gent­li­ch ei­ne Irreführung des Verbrauchers. Die des­we­gen an­ge­ru­fe­ne Verbraucherzentrale for­der­te den Marktführer da­her zu ei­ner Stellungnahme auf [9]. Vorhersehbar und völ­lig am Thema vor­bei fiel frei­li­ch des­sen Antwort aus. Zunächst schwa­dro­niert man re­flex­ar­tig in ge­wohn­ter Weise über die „feh­len­de Hefe“, da­bei war das gar nicht Inhalt der Verbraucherbeschwerde. Und zum Weizen hat man sich ei­ne be­son­ders drol­li­ge Argumentation aus­ge­dacht: Der ed­le Weizen sei da­mals den Adligen vor­be­hal­ten ge­we­sen, des­halb er­hal­te der Verbraucher jetzt auch un­ge­fragt so­gar et­was no­ch viel Besseres!

Wenn die­se Argumentation gel­ten soll­te, war­um ist dann nicht auch ein weih­nacht­li­ches Gewürzbier „ge­treu 1516“, denn Gewürze wur­den bis ins 16. Jahrhundert mit Gold auf­ge­wo­gen und wä­ren da­her no­ch viel ed­ler als jeg­li­ches Getreide.

Und wie soll es weitergehen?

Viele der neu­zeit­li­chen Regelungen er­schei­nen will­kür­li­ch und ab­surd und ha­ben nichts mit dem Wortlaut von 1516 zu tun. Dass aus­ge­rech­net die da­mals als ir­rele­van­tes Nebenprodukt er­ach­te­te Hefe dar­über ent­schei­det, ob man an­de­re Malze als Gerste ver­wen­den darf, wur­de als sol­che Absurdität schon ge­nannt. Es gibt Fälle, in de­nen Brauer auf­grund der Verwendung von Weizen in un­ter­gä­ri­gem Bier ver­ur­teilt wur­den. Zur Flaschengärung von ober­gä­ri­gem Weißbier darf aber un­ter­gä­ri­ge Hefe ver­wen­det wer­den. Ebenso dür­fen ober­gä­ri­ges Weizenbier und un­ter­gä­ri­ges Gerstenbier ver­schnit­ten wer­den. Was hat das al­les mit 1516 zu tun?

Ähnlich al­bern wir­ken­de Workarounds gibt es zum Beispiel auch für die Verwendung von Milchsäure (als Sauergut aus Malz her­ge­stellt statt­haft, zu­ge­kauft ver­bo­ten), Kohlensäure (Gärungskohlensäure statt­haft, fos­si­le Quellkohlensäure ver­bo­ten) und Klärungsmitteln (Polyvinylpolypyrrolidon statt­haft, Hausenblase und Gelatine ver­bo­ten). Ohnehin ha­ben Großbrauereien stets Mittel und Wege ge­fun­den, sich um das Reinheitsgebot her­um­zu­wurs­teln, wenn es zweck­mä­ßig er­schien, wäh­rend Kleinbrauereien meist gar nicht die tech­no­lo­gi­schen Möglichkeiten da­zu ha­ben. Die Liste nicht de­kla­rie­rungs­pflich­ti­ger Zusatzstoffe ist lang [10].

Aber ei­gent­li­ch gibt es das ir­re­füh­rend mit dem „Reinheitsgebot“ gleich­ge­setz­te Biersteuergesetz gar nicht mehr. 1987 wur­de sei­ne Anwendung auf aus­län­di­sche Biere für un­ver­ein­bar mit EU-Recht er­klärt, wo­bei sich die deut­schen Brauer den­no­ch ver­pflich­te­ten, wei­ter­hin da­na­ch zu brau­en. 2005 wur­de schließ­li­ch das vor­läu­fi­ge Biersteuergesetz von 1993 im Rahmen der Neuordnung des Lebensmittelrechts auf­ge­ho­ben, nur die zu­ge­hö­ri­ge Durchführungsverordnung ist einst­wei­len wei­ter­hin gül­tig. Ebenfalls 2005 ent­schied das Bundesverwaltungsgericht, dass die Beschränkung deut­scher Brauer aufs Reinheitsgebot als Inländerdiskriminierung de­ren Berufsfreiheit un­zu­läs­sig ein­schrän­ke, so­dass für „be­son­de­re Biere“ mit wei­te­ren aro­ma­ti­sie­ren­den Zutaten, so­lan­ge die­se kei­ne Malzersatzstoffe sind, ei­ne Ausnahmegenehmigung zu er­tei­len sei.

Nur in Bayern scheint man die­se höchst­rich­ter­li­che Rechtsprechung wei­ter­hin zu igno­rie­ren. Die jüngs­ten Beschlüsse des Bayerischen Brauerbundes [11],

  • „sich da­für ein­zu­set­zen, dass das (en­ge­re) Bayerische Reinheitsgebot er­hal­ten und die Herstellung sog. ‚be­son­de­rer‘, al­so vom Reinheitsgebot ab­wei­chen­der Biere in Bayern auch wei­ter­hin un­zu­läs­sig bleibt,

 

  • die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Länder auf­zu­for­dern, sich ver­bind­li­ch und bun­des­ein­heit­li­ch dar­auf zu ver­stän­di­gen, wel­che Produkte als ‚be­son­de­re Biere‘ über­haupt ge­neh­mi­gungs­fä­hig sind. Ziel ist da­bei ei­ne Beschränkung auf sol­che Biere, die nach­weis­li­ch auf ei­ne deut­sche Brautradition vor 1906 ver­wei­sen kön­nen,

 

  • sich da­ge­gen aus­zu­spre­chen, durch die Verwendung an­de­rer Bezeichnungen für Produkte, bei de­nen es sich au­gen­schein­li­ch um Bier han­delt, ei­ner be­lie­bi­gen Umgehung des Reinheitsgebotes Tür und Tor zu öff­nen“,

er­schei­nen zu­neh­mend wie das ver­zwei­fel­te Reiten ei­nes to­ten Pferdes. Wahrscheinlich ver­sucht man krampf­haft, den lieb­ge­won­ne­nen 1516-Werbepopanz no­ch ir­gend­wie bis zum 500-Jahre-Jubiläum über die Runden zu ret­ten. Wie mir schon vor nächs­tem Jahr graut!

Wäre es nicht ehr­li­cher, statt sich wei­ter an die­sen Zombie zu klam­mern, das so­ge­nann­te Reinheitsgebot spä­tes­tens nach der 500-Jahr-Feier ster­ben zu las­sen und no­ch ein­mal neu auf­zu­set­zen?

Wenn schon 1516, dann richtig!

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Wie auch im­mer es aus­se­hen oder hei­ßen mag – es wä­re Zeit für ein neu­es, frei­wil­li­ges Reinheitsgebots-Siegel oh­ne Hintertürchen

Dann aber bit­te im Originalwortlaut und als frei­wil­li­ges, un­ab­hän­gig zer­ti­fi­zier­tes Qualitätssiegel und kei­nes­falls ver­pflich­tend. Die Erfolgsgeschichte der Campaign for Real Ale (CAMRA) in England be­weist, dass die Rückbesinnung auf tra­di­tio­nel­le Herstellungsweisen ei­nen ech­ten Mehrwert und die Möglichkeit zur Differenzierung ge­gen­über Branchenriesen bie­ten kann [12].

Wie könn­te so ein frei­wil­li­ges „1516 Original“ oder Ähnliches aus­se­hen? Dann soll­te wirk­li­ch nur mit Gerste (aber egal ob ver­mälzt oder nicht), Hopfen (kein Extrakt), Hefe und Wasser ge­braut wer­den. Genmanipulierte Rohstoffe könn­ten aus­ge­schlos­sen oder viel­leicht so­gar Bio-Anbau vor­ge­schrie­ben wer­den. Ganz im Ursprungssinn, die von au­ßen zu­zu­füh­ren­den Stoffe zu be­schrän­ken. Ob dann et­wa ei­ne Wasseraufbereitung durch Aufsalzen no­ch mög­li­ch wä­re, soll­te no­ch dis­ku­tiert wer­den. Warum ei­gent­li­ch kei­ne Rückbesinnung auf die mit lo­ka­lem Wasser mög­li­chen Stile? Und Stabilisation und Filtration wä­ren dann man­gels Hilfsstoffen auch nicht mehr mög­li­ch. Was dank le­ben­der Hefe in der Flasche so­gar für mehr Geschmacksstabilität sor­gen wür­de.

Biere, die sich nicht an die­se sehr en­gen Regeln hiel­ten, wä­ren dann le­gal, soll­ten aber sämt­li­che ein­ge­setz­te Hilfsstoffe, auch die wie­der ab­fil­trier­ten, strikt de­kla­rie­ren müs­sen. Der Verbraucher hät­te dann die freie Auswahl, wo­bei nicht un­er­wähnt wer­den soll­te, dass ein Großteil so­ge­nann­ter Craftbiere oh­ne­hin schon in­ner­halb der „ech­ten“ 1516-Regeln ge­braut wird oder pro­blem­los ge­braut wer­den könn­te.

Bliebe die Frage, wel­ches Gremium sol­ch ein Siegel ver­ge­ben soll­te, die Regeln de­fi­niert, durch­setzt und über­wacht. Am schwie­rigs­ten dürf­te es sein, ei­ne Lobby auf­zu­bau­en, die es wagt, not­falls auch die Konfrontation mit dem über­mäch­ti­gen Brauerbund ein­zu­ge­hen, ein Mindestmaß an öf­fent­li­cher Wahrnehmung zu er­zie­len (wo­für aber das Jubiläum nächs­tes Jahr ei­ne per­fek­te Chance wä­re, die man nicht mis­sen soll­te!) und ei­ne ge­wis­se kri­ti­sche Menge an hin­rei­chend mo­ti­vier­ten Brauereien zu ver­sam­meln, die mit­spie­len und das Siegel auf ihr Etikett zu dru­cken be­reit wä­ren. Ich bin ge­spannt, was die Zukunft no­ch bringt!

Das Reinheitsgebot ist tot, lang le­be das Reinheitsgebot!


MoritzAutor Moritz Gretzschel kam, ob­wohl ge­bür­ti­ger Münchner, er­st durch sei­nen Schwiegervater aus­ge­rech­net in ei­ner ba­di­schen Weinregion mit dem Hobbybrauen in Berührung. Ein drei­jäh­ri­ger be­ruf­li­cher Aufenthalt in Michigan tat das Übrige, ihn für die Craft-Brew-Bewegung zu be­geis­tern. Seither braut er re­gel­mä­ßig da­heim, be­vor­zugt per Dekoktion. Er ar­bei­tet als Hochschulprofessor für Maschinenbau und Elektromobilität in Aalen in Württemberg.


Quellen:
[1] Mary Shelley: Frankenstein. Fischer Taschenbuch, 2009
[2] Hans Mielich: Herzog Wilhelm IV. von Bayern auf dem Totenbett. Bayerisches Nationalmuseum, München, 1550
[3] Louis Pasteur: Études sur la biè­re. 1876
[4] Heinrich Letzing: Das Weißbierprivileg Herzog Wilhelms IV. von Bayern für Hans VI. von Degenberg. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte und Bibliographie des Brauwesens 1994/95, S. 343 – 346
[5] Franz Meußdoerffer / Martin Zarnkow: Das Bier. Eine Geschichte von Hopfen und Malz. C. H. Beck, 2014
[6] Hans-Georg Hermann: Das Reinheitsgebot 1516. Vorläufer, Konflikte, Bedeutung und Auswirkungen. Wissenschaftliches Kolloquium „Bier und Repräsentation“, 2015
[7] Conrad Seidl: Das Bier fei­ert Geburtstag. In: Falstaff 03/2010
[8] Günther Thömmes: Jetzt gibt es kein Bier, son­dern Kölsch. Das et­was an­de­re Lexikon vom Bier. Selbstverlag, 2005
[9] Astrid Becker: Angst vor Exotik. Süddeutsche Zeitung, 18.4.2012
[10] Markus Metzger: Das darf rein! Roh- und Zusatzstoffe des Bieres. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, 2010
[11] Brauwelt 44/2014, S. 1294 f.
[12] http://www.camra.org.uk

4 Kommentare zu “Das Reinheitsgebot ist tot – 
lang lebe das Reinheitsgebot

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