Klassengesellschaft

Stimmige Auslegung von Hobbybrauanlagen

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In Ulrich Plenzdorfs „Neuen Leiden des jun­gen W.“ er­klärt sich die Hauptfigur für un­fä­hig, Gips an­zu­rüh­ren: Er neh­me im­mer ab­wech­selnd ent­we­der zu viel Gips oder zu viel Wasser, bis ir­gend­wann der Eimer voll sei. So ähn­lich mag es man­chem Hobbybrauer bei Erweiterungen sei­ner selbst zu­sam­men­ge­stell­ten Anlage ge­hen, und so geht es auch un­se­rem tra­gi­schen Comic-Helden in der­sel­ben Ausgabe:

Irgendwo ist im­mer das vo­lu­men­mä­ßi­ge Nadelöhr. Hat man end­lich den lang er­sehn­ten grö­ße­ren Läuterbottich, ist jetzt die Pfanne zu klein. Hat man ei­ne neue, zwickt es am Gärbottich. Passt der, ist die Kühlkapazität zu ge­ring. So geht es im­mer fort. Das ist wohl das Los des Hobbybrauers und das Leitmotiv al­ler Erweiterungen. Es kommt wahr­schein­lich auch et­was auf den ei­ge­nen Charakter an, ob man sich bei ei­nem et­was über­di­men­sio­nier­ten Läuterbottich freut, dass er noch Reserven hat, oder ob man sich statt­des­sen är­gert, dass dann Pfanne und Gärgefäße zu klein sind.

Nicht gerade hübsch, aber hier passt alles zusammen: 60 l-Pfanne, 38 l-Thermoport zum Läutern und 28 –Einkochtopf für die Nachgüsse (v.l.). Darunter ein 60 l-Mostfass als Gärbottich.

Nicht ge­ra­de hübsch, aber hier passt al­les zu­sam­men: 60-l-Pfanne, 38-l-Thermoport zum Läutern und 28-l-Einkochtopf für die Nachgüsse (v. l.). Darunter ein 60-l-Mostfass als Gärbottich.

 

Allerdings ha­ben sich nicht von un­ge­fähr ge­wis­se Volumenklassen her­aus­kris­tal­li­siert:

  • Die häu­figs­te Größe für vie­le Anfänger ist die „20-Liter-Klasse“: Hier kann man mit ge­rin­gen Investitionen noch in ei­ner nor­ma­len Küche oder so­gar in der Studentenbude ar­bei­ten. Geeignete Einkochtöpfe und Eimer sind pro­blem­los er­hält­lich, und gut 20 Liter Würze las­sen sich pro­blem­los auch al­lei­ne durchs Haus tra­gen. Nicht zu­fäl­lig gibt es in der Hobbyliteratur un­zäh­li­ge Braurezepte für cir­ca 20 Liter be­zie­hungs­wei­se 5 Gallonen.
  • Die nächs­te sinn­vol­le Größe be­wegt sich zwi­schen 40 und 50 Litern Ausschlag. Hier kommt man meist noch oh­ne Pumpen und bau­li­che Veränderungen zu­recht, auch wenn sich da­für bes­ser ein Hobbyraum als die häus­li­che Küche an­bie­tet und man sol­che Mengen bes­ser zu meh­re­ren oder mit Flaschenzügen oder Hubtischen be­we­gen soll­te, wenn man sei­ne Bandscheiben scho­nen möch­te.
  • Die wahr­schein­lich letz­te Hobbyklasse un­ter­halb ge­werb­li­cher Gasthaussudwerke be­wegt sich um die 100 Liter. Hier sind schon oft Pumpen und fes­te Verrohrung eben­so an­zu­tref­fen wie bau­li­che Anpassungen hin­sicht­lich Energieversorgung, Dunstabsaugung und Kühlung.

Anlagen über 100 Liter wer­den meis­tens eher ge­werb­lich als Hobby sein. Weniger als 20 Liter zu brau­en ist auch kaum sinn­voll, al­len­falls für ab­so­lu­te Kleinstversuchssude. Denn der Zeitaufwand ist in al­len Fällen fast der­sel­be, die Rohstoffkosten sind im Vergleich zur auf­ge­wen­de­ten Zeit na­he­zu ver­nach­läs­sig­bar, und soll­te ein Versuch wi­der Erwarten gut ge­lun­gen sein, wird man sich bald är­gern, dass man doch nicht mehr ge­macht hat. Da au­ßer­dem bei Kleinstsuden die Oberflächen (Oxidation und Auskühlung!) im Verhältnis zum Volumen viel stär­ker ins Gewicht fal­len, ist oh­ne­hin frag­lich, ob sich de­ren Ergebnisse auf grö­ße­re Anlagen über­tra­gen las­sen.

Und noch ein Grund, war­um 20-Liter-Sude bei vie­len so be­liebt sind: Wenn man in­ner­halb der für Deutschland gül­ti­gen steu­er­li­chen Freimenge von 200 Litern jähr­lich blei­ben will, kann man fast je­den Monat brau­en und hat da­mit reich­lich Gelegenheit, neue Stile und Rezepte aus­zu­pro­bie­ren. Und man kann zum Beispiel im­mer ei­nen Sud ge­ra­de in der Reifung und ei­nen noch frisch im Ausschank ha­ben. Schon bei 50 Litern könn­te man, will man in der Freimenge blei­ben oder nur den ei­ge­nen Tisch mit Bier ver­sor­gen, nur noch quar­tals­wei­se brau­en, was, ich mer­ke es schmerz­lich an mir sel­ber, un­be­wusst mit ei­ner Abnahme der Experimentierfreude ein­her­ge­hen kann.

Wie aber legt man nun ei­ne Brauanlage hin­sicht­lich der Größen von Pfanne, Läuterbottich und Gärbottich sinn­voll aus?

Schüttung und Hauptguss le­gen das Volumen der Maische und da­mit des Läuterbottichs fest: Pro Kilogramm Malz kom­men cir­ca 0,75 Liter zum Volumen des Hauptgusses hin­zu. Beim Läutern bleibt dann vom Gesamtguss pro Kilogramm Schüttung cir­ca 1 Liter in den Trebern hän­gen, was die Pfannevollwürze be­stimmt. Die Pfanne soll­te aber noch zu­sätz­li­chen Freibord ha­ben, um beim ers­ten Aufkochen kein Überschäumen zu ris­kie­ren, um die Würze beim Kochen ge­ge­be­nen­falls noch ver­dün­nen zu kön­nen und um ei­nen schwung­vol­len Whirlpool an­dre­hen zu kön­nen. Auch das Gärfass soll­te noch reich­lich Steigraum für die Hochkräusen be­sit­zen, vor al­lem bei ober­gä­ri­gen Bieren im Bereich von et­wa ei­nem Drittel des Volumens.

Volumen-Auslegung

Die Tabelle stellt die­se Zusammenhänge für die ge­nann­ten Volumenklassen dar, wo­bei von ei­nem hel­len Vollbier mit ei­nem Hauptguss vom Vierfachen und Nachguss vom Dreifachen der Schüttung aus­ge­gan­gen wird. Die Zellen 1 – 4 sind die va­ria­blen Eingabewerte, der Rest die Rechenergebnisse. Die vier Behältervolumina sind fett und gelb mar­kiert. Mit ei­nem di­cke­ren Einmaischverhältnis wä­re da­mit ge­nau­so ein Starkbier mög­lich, was die zwei­te Spalte zeigt. Das ist frei­lich al­les kei­ne ex­ak­te Wissenschaft, son­dern ei­ne rei­ne Abschätzung an­hand von Erfahrungswerten. Je nach Gussführung und Ausbeute kön­nen in­di­vi­du­el­le Ergebnisse her­aus­kom­men:

Sollte je­mand bei­spiels­wei­se NUR Vorderwürzebiere brau­en wol­len oder NUR High Gravity ma­chen, kann frei­lich ei­ne an­de­re, in­di­vi­du­el­le Auslegung sinn­voll sein. Hier ist je­der ein­ge­la­den, sel­ber mit den Formeln zu spie­len und an­de­re Schüttungen, Gussführungen und Ausbeuten aus­zu­pro­bie­ren: Geraete-Dimensionierung.xlsx. Es ist aber si­cher kei­ne schlech­te Idee, wenn sich die Dimensionierung der Anlage ent­we­der an eta­blier­te Standardrezepte oder die ei­ge­nen Lieblingsrezepte an­lehnt, so­dass al­le Behälter ei­ni­ger­ma­ßen gut aus­ge­nutzt wer­den. Es liegt aber auf der Hand, dass ein und die­sel­be Anlage nicht glei­cher­ma­ßen für al­le Biere zwi­schen 6 und 28 °Plato ge­eig­net sein kann.

In den ge­nann­ten Volumenklassen hat sich die Verwendung ei­ni­ger be­stimm­ter markt­üb­li­cher Behälter bei vie­len Hobbybbrauern durch­ge­setzt:

  • In der ver­brei­te­ten 20-l-Einsteigerklasse spielt ein Einkocher (ty­pisch 28 Liter) gut mit ei­nem 30-l-Hobbock oder ei­nem 25-l-Thermoport als Läuterbottich und ei­nem 30-l-Gärbehälter zu­sam­men.
  • Der ver­brei­te­te 38-l-Thermoport passt gut zu ei­ner Pfanne von 50 oder bes­ser 60 Litern. Nach dem Hopfenseihen hat man dann viel­leicht noch gut 40 Liter Würze, und da­für sind die 60-l-Kunststoffmostfässer ide­al zum Vergären. Dann hat man noch et­wa ein Drittel Steigraum für die Kräusen.
  • Ein 70-l-Thermoport passt da­ge­gen gut zu ei­ner 100-l-Pfanne.

Erweitert man von ei­ner Klasse auf die nächst­grö­ße­re, kann die bis­he­ri­ge Kochpfanne statt­des­sen gut zur Nachgussbereitung die­nen.

Volumen-Empfehlungen

Bewährte Kombinationen von ver­brei­te­ten Komponenten

 

Man kann sich na­tür­lich vie­les schön­re­den, und um man­che Einschränkung kann man sich zu­min­dest tem­po­rär auch her­um­wurs­teln – zum Beispiel durch High Gravity bei zu klei­ner Pfanne oder in­dem man bei zu klei­nem Läuterbottich ei­nen Rest Maische erst nach­schöpft, wenn Platz da­für ist. Ideal ist das na­tür­lich al­les nicht, und man soll­te sich in sei­nem Maischverfahren auch nicht dau­er­haft zum Sklaven ei­ner sub­op­ti­ma­len Anlagenplanung ma­chen las­sen. Aber ei­nes glau­be ich in­zwi­schen auf al­le Fälle ge­lernt zu ha­ben:

Der je­wei­li­ge Engpass soll­te mög­lichst nicht in der Kühl- be­zie­hungs­wei­se Lagerkapazität lie­gen! Oder, an­ders ge­sagt: Man soll­te erst die Kühlkapazität ent­spre­chend er­wei­tern, be­vor man die Sudmenge aus­baut. Es war doch ein ge­wal­ti­ger Komfort- und Qualitätssprung, das Bier end­lich ver­nünf­tig kalt­la­gern zu kön­nen, auch im Sommer kon­trol­liert un­ter­gä­rig brau­en zu kön­nen oder auch ein­mal ein paar Flaschen mo­na­te­lang zu­rück­le­gen und rei­fen las­sen zu kön­nen und nicht im­mer aus Kapazitätsgründen al­les schon leer­ge­trun­ken ha­ben zu müs­sen, be­vor es rich­tig gut wur­de …

So teu­er sind ge­brauch­te Kühlschränke und -tru­hen nun auch wie­der nicht, dass man sich die­sen Luxus nicht leis­ten soll­te. Und wenn ich über­le­ge, wie viel Aufwand, Kosten und Zeit man­che Hobbybrauer in ihr Sudwerk und in die Herstellung der Würze ste­cken, um die­se dann bei Raumtemperatur völ­lig un­kon­trol­liert ver­gä­ren zu las­sen, dann ist das Geld für ei­ne Gärbottichtemperierung si­cher­lich viel bes­ser an­ge­legt als für die nächs­te Sudhauserweiterung!

3 Kommentare zu “Klassengesellschaft

  1. kpmbrewing

    Sind die­se Größenordnungen vor­wie­gend aus den Erfahrungen mit Infusionsverfahren ent­stan­den, oder kann man die Größen auch bei Dekoktionsverfahren so an­neh­men? Danke!

    1. Moritz Gretzschel Post author

      Da gibt es kei­nen Unterschied. Für die Größe des Läuterbottichs et­wa ist die Menge der Gesamtmaische ent­schei­dend, und da ist egal, ob oder wie die vor­her auf­ge­teilt wur­de.

  2. not

    Danke Moritz auch für die­sen Artikel!

    „Ein 70-​l-​Thermoport passt dage­gen gut zu ei­ner 100-​l-​Pfanne.“ Als ich das ge­le­sen ha­be, dach­te ich mir kurz: hm, ha­be ich wohl über­di­men­sio­niert (73l Sudpfanne, 70er Thermoport).

    Jetzt am Wochenende wa­ren 70Liter Thermoport für gut 60l Ausschlag nicht über­di­men­sio­niert:
    Singlestep in­fu­si­on mash, 16°P: der 70er Thermoport hat es ge­ra­de noch ver­kraf­tet und war bei die­sem Braugang das Nadelöhr.
    Klar, wenn im Thermoport aus­schliess­lich ge­läu­tert wird pas­sen die 38l bes­ser (Höhe d. Treberbetts), für die o.g. Konfiguration hät­te ichs an­ders nicht ha­ben wol­len!

    Viele Grüße,
    Sönke

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