Grünes Gold – Hopfenmarkt im Umbruch?

Lange Jahre war der Hopfenmarkt nicht sehr auf­re­gend. Die Bewegung in Bedarf und Produktion war über­schau­bar – even­tu­el­le Engpässe konn­ten im­mer mit Überschüssen der Vorjahre aus­ge­gli­chen wer­den. In den Sortimenten der Brauereien gab es kaum Änderungen, so dass die be­nö­tig­ten Hopfenmengen leicht vor­aus­sag­bar wa­ren und die Hopfenproduzenten sich lang­fris­tig dar­auf ein­stel­len konn­ten.

Bezeichnend ist, dass die Hopfenproduktion in den Statistiken noch im­mer in „Tonnen Alphasäure“ ge­mes­sen wird. Das zeigt, wo die Prioritäten bei den Größen der Bierindustrie lie­gen: es geht um nichts als Bittere – Aroma ist ne­ben­säch­lich. Und so war auch bis vor we­ni­gen Jahren die Forschung und Züchtung nur auf das Ziel ge­rich­tet, den Hopfenbauern neue, ro­bus­te Sorten mit mög­lichst ho­hem Alphasäuregehalt zur Verfügung zu stel­len: in Deutschland et­wa von Northern Brewer (6-10%) über Magnum (11-16%) bis Taurus und Herkules (bei­de 12-17%). So konn­te auf ab­neh­men­der Fläche der Alphasäurebedarf mit mög­lichst ge­rin­gem Aufwand ge­deckt wer­den.

Die welt­wei­te Hopfenanbaufläche sank auf die­se Weise von über 90.000 Hektar im Jahre 1990 auf weit un­ter 50.000 Hektar 2013, wäh­rend die pro­du­zier­te Menge an Alphasäure im glei­chen Zeitraum so­gar um et­wa 20% an­stieg. Für den Hopfenbauern war es lu­kra­tiv, auf die Hochalphasorten zu set­zen, denn nur so war ein op­ti­ma­ler Ertrag von Alphasäure pro Hektar zu er­zie­len.

Die Produktion der Hopfenbauern ist da­bei zum gro­ßen Teil schon ver­kauft, be­vor die Dolden über­haupt ge­wach­sen sind. Große Abnehmer, wo­zu ne­ben den vier Großhändlern Barth-Haas (35%), Hopsteiner (25%), HVG (10%) und Yakima Chief (10%) auch ei­ni­ge Brauereikonzerne mit Direktverträgen ge­hö­ren, si­chern sich durch lang­fris­ti­ge Verträge die Hopfenmengen schon über Jahre im vor­aus. So schaf­fen sie Planungssicherheit durch fes­te Preise, die von kurz­fris­ti­gen Schwankungen der Erntemengen un­be­ein­druckt blei­ben. Nur der Überschuss, der nicht ver­trag­lich ge­bun­den ist, ge­langt auf den frei­en Markt und steht da­mit Kleinabnehmern zur Verfügung.

Seit mehreren Jahren ist die gesamte Jahresernte der USA im voraus unter Vertrag

Seit meh­re­ren Jahren ist ein gro­ßer Teil der deut­schen und die ge­sam­te Jahresernte der USA im vor­aus un­ter Vertrag

Der Anteil der vor­kon­trak­tier­ten Hopfenmengen ist sehr hoch, in den USA so­gar seit Jahren bei 100%. Diese Verträge kön­nen aber nur voll­stän­dig er­füllt wer­den, wenn die pro­gnos­ti­zier­ten Ernten auch ein­ge­fah­ren wer­den.

Sind nach gu­ten Ernten wei­te­re Mengen an Hopfen ver­füg­bar, kön­nen die­se zu Extrakten ver­ar­bei­tet wer­den, die lan­ge halt­bar, platz­spa­rend zu la­gern und da­mit gut ge­eig­net sind, Unterdeckungen an Alphasäure in fol­gen­den Jahren aus­zu­glei­chen. Das er­höht die Versorgungssicherheit der Großabnehmer noch wei­ter. Heile Welt al­so?

Der Status Quo än­der­te sich grund­le­gend, als in den 90er Jahren die Craft-Beer-Bewegung an Fahrt ge­wann: plötz­lich wa­ren – zu­erst in den USA, spä­ter auch welt­weit – wie­der mehr Aromasorten wie Cascade, Centennial, Chinook, Citra und Amarillo ge­fragt. In den ers­ten Jahren war der Bedarf die­ser Zwerge der Brauwirtschaft noch völ­lig un­be­deu­tend. Mittlerweile lie­fert der Craft-Beer-Sektor aber schon 11% der ame­ri­ka­ni­schen Bierproduktion, und auch welt­weit wur­den hun­der­te Klein- und Mikrobrauereien ge­grün­det, die mit ih­rem Schwerpunkt auf hop­fen­in­ten­si­ven Bieren den Bedarf an (nicht nur ame­ri­ka­ni­schen) Aromasorten in die Höhe trei­ben.

Der deut­sche Hopfenwirtschaftsverband sagt da­zu in sei­nem Marktbericht vor dem IHB:

„Das seit ei­ni­gen Jahren kräf­tig wach­sen­de Segment der Craft Breweries hat si­cher­lich ei­nen star­ken Einfluss auf die­se teil­wei­se de­fi­zi­tä­re Versorgungsbilanz. Obwohl die­ses Segment nur rund 2% des Weltbierausstoßes aus­macht, ver­braucht es knapp 20% der Weltalpha-Erzeugung.“ (5)

Die Alphasäurebilanz stellt der jähr­lich pro­du­zier­ten Menge an Alphasäure den vor­aus­sicht­li­chen Bedarf der Brauindustrie ge­gen­über. Seit drei Ernten zeigt sie ei­ne wach­sen­de Unterdeckung. Dabei gibt sie die Misere so­gar nur un­voll­stän­dig wie­der: der Bedarf der Craft-Brewer liegt nicht bei den Hochalphasorten, de­ren Anteil an der Alphasäureproduktion 70 – 80 % aus­macht, son­dern bei den knap­pen Aroma- und Universalsorten, die auch nicht lang­fris­tig als Extrakt ge­la­gert wer­den kön­nen.

Alphasaeurebilanz

Angebot und Nachfrage im Hopfenmarkt

Erste ernst­haf­te Probleme er­ga­ben sich 2007/2008: drei Jahre in Folge blieb die Ernte um meh­re­re hun­dert Tonnen hin­ter der Nachfrage zu­rück. Zunächst konn­te man noch mit Reserven aus den Vorjahren ge­gen­steu­ern, aber als 2007 ab­zu­se­hen war, dass die Ernte zum drit­ten Mal in Folge un­ter dem Bedarf blei­ben wür­de, stie­gen die Preise auf dem Spotmarkt ra­sant an. Ende 2007 wa­ren die Hopfenpreise teil­wei­se fünf bis zehn­mal so hoch wie üb­lich. Das ho­he Preisniveau hielt noch bis zur Ernte 2008 an. Die Preise der Vorkontrakte blie­ben da­von al­ler­dings fast un­be­ein­druckt und schwank­ten um nicht mehr als 20%.

Zur Zeit ent­wi­ckelt sich be­reits die nächs­te Krise: schon seit 2012 kann der Alphasäurebedarf nicht voll­stän­dig aus der lau­fen­den Produktion ge­deckt wer­den. Selbst die gu­te 2014er Ernte konn­te die Situation nicht voll­stän­dig ent­span­nen. Die Preise für ei­ni­ge Sorten wie den hoch­be­gehr­ten und zu­sätz­lich künst­lich knapp ge­hal­te­nen Amarillo (sie­he auch „Yellow Sub – Ende der Amarillo-Knappheit?“) gin­gen schon Ende letz­ten Jahres durch die Decke.

In die­sem Jahr wird die Situation so­gar noch kri­ti­scher: die Ernte 2015 war mit ei­nem Rückgang der Alphasäureproduktion um 17% ge­gen­über dem Vorjahr wie­der auf his­to­risch schlech­tem Niveau. Das tro­cke­ne, hei­ße Wetter führ­te in ei­ni­gen eu­ro­päi­schen Ländern zu Ertragseinbußen von bis zu 70%. Die größ­ten Einbrüche ver­zeich­nen da­bei die Aromasorten mit durch­schnitt­lich -50%, wäh­rend die Hochalphasorten „nur“ um 30% un­ter den Erwartungen la­gen. Die USA kön­nen die Verluste mit ih­rer Ernte, die durch­schnitt­li­che Erträge er­brach­te, nicht auf­fan­gen. Die Lücke in der Alphasäurebilanz liegt in die­sem Jahr ver­mut­lich so­gar bei über 2.000 Tonnen.

Hopsteiner meint da­zu:

In den Ernten der Jahre 2012 bis 2014 konn­te der Bedarf an Alphasäuren für die je­weils fol­gen­den Braujahre nicht oder nur knapp ge­deckt wer­den. […] In der ak­tu­el­len Ernte 2015 wur­den auf­grund der teil­wei­se ex­tre­men Witterungsbedingungen in den Monaten Juni bis August in den gro­ßen eu­ro­päi­schen Anbaugebieten nur un­ter­durch­schnitt­li­che Ernten ein­ge­bracht. Es er­gibt sich da­her für die Ernte 2015 ei­ne deut­li­che Unterversorgung, wel­che Hopfen- und Brauwirtschaft vor teil­wei­se gro­ße Versorgungsprobleme stellt.“ (1)

2016 wird al­so ein kri­ti­sches Jahr für die Brauer wer­den. Es ist da­mit zu rech­nen, dass die Preise auf dem Spotmarkt stark an­stei­gen wer­den. Viele Aromasorten wer­den kaum ver­füg­bar sein. Das trifft vor al­lem die Craft-Brauer, die sich durch ih­ren kaum plan­ba­ren Bedarf fast aus­schließ­lich auf dem Spotmarkt ver­sor­gen. Daniel Laizure (Amihopfen) be­rich­te­te be­reits von Dutzenden ver­zwei­fel­ter Anrufe aus Craft-Brauer-Kreisen, die ver­su­chen, bei ihm Hopfen in 5kg-Säcken zu Großhandelskonditionen zu kau­fen (6). Das ge­ben sei­ne Lieferverträge, die auf Hobbybrauer-Mengen aus­ge­rich­tet sind, al­ler­dings nicht her. Für ei­ni­ge Sorten wur­den dar­auf­hin Limits von 250g ein­ge­führt.

Die ame­ri­ka­ni­schen Hopfenproduzenten ha­ben auf den Boom bei der Nachfrage nach Aromasorten be­reits re­agiert: sie stei­ger­ten die Anbauflächen seit 2012 um jähr­lich 7-10%, 2015 so­gar um 19%. Es dau­ert al­ler­dings ei­ni­ge Jahre, bis die neu an­ge­pflanz­ten Hopfengärten den vol­len Ertrag brin­gen. In Deutschland ver­grö­ßert sich die Anbaufläche da­ge­gen bis­her kaum.

Preise_und_Fläche

Hohe Spotpreise be­wir­ken stei­gen­de Anbauflächen (für 2015 lie­gen noch kei­ne Preise vor)

Welche Strategien kann man ge­gen die Unsicherheit des Hopfenmarkts emp­feh­len? Größere und mitt­le­re Brauereien ha­ben am we­nigs­ten Grund, in Panik zu ver­fal­len. Wenn sie den Großteil ih­res plan­ba­ren Bedarfs lang­fris­tig über Vorverträge si­chern, sind sie vor Preisschwankungen ge­feit und ge­ben Produzenten und Händlern Planungssicherheit. Für Mikrobrauereien und Neueinsteiger, die für ih­re Biere we­der Sortiment noch Mengen zu­ver­läs­sig vor­aus­sa­gen kön­nen, ist das aber we­nig rea­lis­tisch. Sie wer­den nicht um­hin kom­men, sich wei­ter am Spotmarkt ein­zu­de­cken.

Langfristig müs­sen wohl die Produzenten und Händler um­den­ken. Insbesondere Großhändler und Distributoren müs­sen sich dar­auf ein­stel­len, dass sie grö­ße­re Mengen ei­nes wach­sen­den Hopfensortiments über län­ge­re Zeit la­gern müs­sen, um die wech­seln­de Nachfrage der Kleinbrauer je­der­zeit be­frie­di­gen zu kön­nen. Sowohl Barth-Haas als auch Hopsteiner ha­ben in­zwi­schen Online-Shops ein­ge­rich­tet (9,10), in de­nen man Hopfenprodukte auch in 5kg-Abpackungen be­stel­len kann – das Angebot ist aber noch aus­bau­fä­hig. Die Lagerkosten und das Risiko, das sie da­mit auf sich neh­men, wer­den sie aber wohl über den Hopfenpreis an den Kunden wei­ter­ge­ben müs­sen.

Als Hobbybrauer hat man dem Hopfenmarkt we­nig ent­ge­gen­zu­set­zen. Hopfen im ei­ge­nen Garten an­zu­bau­en wird wohl den we­nigs­ten mög­lich sein und schafft auch kei­nen Zugang zu den je­weils letz­ten ame­ri­ka­ni­schen, aus­tra­li­schen oder neu­see­län­di­schen Hopfenneuheiten. Inländische Hopfen kann man in­zwi­schen zu re­el­len Preisen di­rekt bei ei­ni­gen Hopfenbauern be­stel­len, et­wa über die Vorbestellungs-Aktion des Mitglieds „hol­le­dau­er“ bei hobbybrauer.de (7) oder den Online-Shop der Mainburger Hopfenpflanzer-Familie Wittmann (8). Für die in­ter­na­tio­na­len Spezialitäten wird man wei­ter­hin auf die ein­schlä­gi­gen Versandhändler (11, 12, 13, 14 u.a.) zu­rück­grei­fen müs­sen und kann nur hof­fen, dass die­se ih­re Logistik der Marktlage und Nachfrage an­pas­sen wer­den.


Quellen:

  1. Hopsteiner: Entscheidungsdaten für den Hopfeneinkauf 2015
  2. Barth-Haas: Hop mar­ket re­port December 18, 2015
  3. Barth-Haas: Der Barth-Bericht Hopfen 2014/2015
  4. Deutscher Hopfenwirtschaftsverband: Hopfenernte und Hopfenmarkt 2015
  5. Wirtschaftskommission des IHB Nürnberg: Marktbericht November 2015
  6. Daniel Laizure: Kommentar auf face­book
  7. hobbybrauer.de: Interesse an Hopfendolden Ernte 2016
  8. Online-Shop Hopfenpflanzer Wittmann: Hopfen-direkt
  9. Online-Shop der Barth-Haas-Gruppe: SimplyHops
  10. Online-Shop der Hopsteiner-Gruppe: Hopsteiner-Shop
  11. Online-Shop Hobbybrauerversand
  12. Online-Shop Amihopfen
  13. Online-Shop Hopfen der Welt
  14. Online-Shop Schnapsbrenner

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