Der heilige Gral der Hopfenindustrie

Was wissen wir eigentlich über Hopfenaromastoffe?

Auf der Suche nach Zutaten für eigene Braurezepte stellt sich der große und der kleine Brauer schnell die Frage:

Welche Hopfensorten wählt man für welches Aroma?

Gern greift man klassisch zu bierstiltypischen Hopfensorten. Bei untergärigen Bieren bleibt der Hopfen bayerisch, obergärig kommt schon einmal der US-Hopfen ins Ale. Ferner orientiert man sich online auf den Übersichten hiesiger Hopfenhändler zu typischen Aromen der einzelnen Sorten. Dabei fällt dann auf, dass eine Hopfensorte wie beispielsweise der Chinook nicht einfach nur Grapefruit oder Zitrus-fruchtig, sondern auch Pinie-würzig sein soll. Jetzt ist aber ausgerechnet der seltene Nelson Sauvin nicht zu bekommen. Welche Sorte nehme ich nun zum Ersatz? Wieder bemüht man das Internet und findet Listen mit Ersatzsorten, mehrere Listen, die sich alle in Ihren Empfehlungen unterscheiden.

Scheinbar kommt man um einen Brauversuch nicht herum. Schließlich ist man nach dem ersten Versuch mit dem Aroma nicht zufrieden und sucht einen Stopfhopfen, der dem Bier noch einen Kick geben soll, sofern das Aroma nicht schon zu intensiv ist und sich auslagern muss.

Dass muss doch besser gehen! Überhaupt, wie machen das die Brauereien?

Aus meiner täglichen Erfahrung als Hopfenhändler bei verschiedenen Brauereien kann ich sagen, viele wissen es nicht besser und verlassen sich seit jeher auf Ihre Nase und die Erfahrung im Umgang mit dem Rohstoff Hopfen. Unsere Nase, über die 80% unserer Aromaeindrücke kommen, ist tatsächlich viel verlässlicher zur Bestimmung des Aromas als hochmoderne Messinstrumente. Das Aroma entsteht nicht immer nur durch eine einzelne Substanz, die unseren etwa 350 Rezeptoren einen Aromaeindruck vermitteln. So sind es meist mehrere Rezeptoren, die bei einem vorhandenen Mix aus Molekülen bzw. auf charakteristische Strukturen innerhalb eines Moleküls das Signal für einen Sinneseindruck auslösen. Andererseits verursacht ein Duftstoff an unterschiedlichen Rezeptoren unterschiedlich starke Signale, die erst einmal den Wahrnehmungsschwellenwert überschreiten müssen und sich zudem in Wechselwirkung mit anderen Substanzen verändern.

Warum ist es so schwierig das Hopfenaroma jeder Sorte zu objektivieren und zu katalogisieren?

Dafür muss man sich vor Augen führen, dass der Trend mit den hopfenaromabetonten Bieren noch relativ neu ist. Klassische Bestellungen von Brauereien laufen noch in Kilogramm Alphasäure und nicht Kilogramm Pellets von Flavour-Hopfen mit einem Alphasäuregehalt laut beigefügter Analyse. Daran erkennt man die industrielle Nutzung des Hopfens, die über Jahrzehnte den Markt geprägt hat.

Nach dem zweiten Weltkrieg modernisierten sich die Brauereien auf größeren Ausstoß, schnellere Maisch- und Gärverfahren und stellten die Anforderungen an den Hopfenmarkt, mehr Alphasäure für die Bierbittere zu liefern. Da die Anbaufläche nicht beliebig schnell und groß mit den Brauereien mitwachsen kann und die Kapitalkosten für neue Hopfenflächen ganz erheblich sind, mussten Hopfensorten gezüchtet werden, die einen höheren Flächenertrag brachten. Ein erster Kandidat dafür war in den sechziger Jahren ein Hopfen, der aus dem englischen Raum kam: die kräuter-würzige Bitterhopfensorte Northern Brewer, welche die klassischen Aromahopfensorten um mindestens die doppelte Menge an Alphasäure überstieg.

Das Hopfenaroma selbst war noch wenig erforscht und eher eine angenehme Begleiterscheinung der ökonomischen Hopfenausnutzung. Man dachte seinerzeit auch nicht, dass es so viele Aromastoffe sein könnten und hatte hauptsächlich Humulenepoxid II und später Linalool als charakteristisches Hopfenaroma identifiziert. Heute wissen wir, dass es über 400 aromaaktive Substanzen im Hopfen gibt, die alle in einem sehr komplexen Zusammenspiel wirken, dazu später mehr.

Schauen wir uns erst einmal den Hopfen genauer an.

Mittelfrüh

Hallertauer Mittelfrüh

Beim Zerteilen des Hopfenzapfens, den ich gerade beim Schreiben dieses Artikels frisch vor meinem Bürofenster ernten konnte, fällt ein klebriges, gelbes Pulver heraus (siehe Fotos). Es handelt sich hier um das Lupulin, das sich in den Lupulindrüsen der Vorblätter befindet. In diesem Lupulin befinden sich die Alphasäuren als Teil der Weichharzfraktionen, daneben die Hartharze und die ätherischen Öle, denen die Aromen der meisten Flavor-Hopfen zugeschrieben werden. Allerdings finden sich auch in den Vor- und Deckblättern wichtige Substanzen, wie die Polyphenole, welche einen wesentlichen Beitrag zum Aroma leisten.

Lupulindrüsen sind das gelbe klebrige Pulver auf den Doldenblättern

Die Lage der meisten aromaaktiven Substanzen befindet sich hinter den Blättern versteckt, im Lupulin. Deswegen eignen sich die zerkleinerten und pelletierten Hopfenprodukte (P90/P45) für eine intensive Aromaausnutzung gegenüber den Rohhopfenprodukten. Für den Einsatz im Kaltbereich sind die bei niedriger Temperatur und weniger dicht gepressten Pellets besser löslich. Leider gibt es noch keinen Standard für Hopfenpellets, der explizit für die Kalthopfung ausgewiesen ist.

(1) Pellets Typ 90 (2) getrockeneter Rohhopfen (3) erntefrischer Grünhopfen

Wie lassen sich nun die Aromen des Hopfens beschreiben?

Wichtigster Bestandteil des Hopfenaromas bleibt natürlich die Bittere des Bieres, welche hauptsächlich vom Iso-α-Säuregehalt im fertigen Bier bestimmt wird. Allerdings wird häufig vergessen, dass die Bierbittere durch mehrere Begleitbitterstoffe eine feinere oder auch eine breite oder adstringierende Bittere (trigeminaler Reiz, zusammenziehend im Abgang) erhalten kann. Einen Aspekt, den wir kurz beleuchten sollten.

Bitter, Adstringierend (in hoher Konzentration bitter), verschiedene Aromen">

Noch einmal kurz das Wichtigste. Die auf jeder Hopfenpackung beschriebene α-Säure (Humulon, nach Humulus Lupulus, lat. Hopfen) ist schlecht löslich und wird über die Kochzeit der Würze zur gut löslichen und deutlich mehr bitteren Iso-α-Säure (iso-Humulone) isomerisiert, die für mehr als 85% der Bittere im Bier verantwortlich gemacht wird. Während der Kochung entstehen auch Oxidationsprodukte, die zur Bittere beitragen.

Die iso-Humulone verursachen auch Fehlaromen, denn unter photochemischem Einfluss von Licht entsteht der sogenannte Lichtgeschmack (3-Methyl-2-buten-1-thiol, typisches Becksaroma). Die Abspaltung der α-Säure bei schlechter Lagerung (warm, Sauerstoff) bildet mit der Zeit bestimmte Fettsäuren (Isovaleriansäure), die eher nach Käse, alten Socken oder einfach nach „altem Hopfen“ riecht. Analog lässt bei der Bieralterung die Hopfenbittere nach und die Abbauprodukte des Hopfens tragen wesentlich zum Alterungsgeschmack des Biers bei.

Es gibt noch weitere Humulone, die sich nur in der Struktur einer Seitenkette unterscheiden. Das co-Humulon taucht hierbei immer wieder bei Hopfenanalysen und Sortenblättern auf. Zum Teil wurde ihm eine unangenehme Bittere nachgesagt und dadurch wurde lange Zeit ein niedriger Anteil zum Züchtungsziel. Neuere Versuche sehen keinen negativen Einfluss auf die Bitterqualität. [3, 4, 5, 6]

Die β-Säure (Lupulone, nach Humulus Lupulus) hat einen niedrigeren Brauwert. Ihre Oxidations- und Polymerisationsprodukte (Hulupone) machen aufgrund des niedrigen Geschmacksschwellenwerts nur etwa ein Drittel der sensorisch ähnlichen Bittere der α-Säure aus.

Die Hartharze hatten in der Vergangenheit eine geringe Bedeutung. Das Xanthohumol hat es allerdings zu einiger Bekanntheit gebracht, da es pharmakologisch positive (antikanzerogene) Eigenschaften besitzt. Im Bier liegt es aber in zu geringer wirksamer Konzentration vor. Beim Stout hingegen bleibt durch den hohen Röstmalzanteil mehr Xanthohumol erhalten [7]. Dennoch wird auch die Bitterqualität von den bekannten 40 Hartharzen beeinflusst [8]. Die glukosidisch (an Zucker) gebundenen Pyranoside werden eher additiv bzw. in Wechselwirkung mit α- & β-Säure über den Geschmacksschwellenwert relevant.

Bei CO2-Extrakten werden die Hartharze fast vollständige extrahiert. In sensorischen Versuchen mit dem CO2-Hopfentreber wurden sie als harmonisch Bitter bewertet [9], was den Beitrag der Hartharze zum ausgewogenen Bittereindruck unterstreicht.

Die Polyphenole sind bekannt als Bitterquelle im Wein (meist als Tannine) und haben Bedeutung für den Körper und die Vollmundigkeit des Biers. Hochmolekulare Polyphenole können allerdings adstringierend wirken. Malz trägt etwa 3,7 mal so viele Polyphenole wie der Hopfen ein, die allerdings nicht so gut wasserlöslich sind und proteinfällend (gerbend) wirken. Außerdem haben die niedermolekularen Polyphenole des Hopfens einen positiven Einfluss auf die Alterungsstabilität des Bieres, weil sie als Sauerstofffänger Lipide und Bitterstoffe vor Oxidation schützen.

Das Zusammenspiel aller Harze und der Polyphenole erzeugt die für das Bier so wichtige harmonische Bittere, welche zusammen mit einem soliden Aromaunterbau von Malz und Hefe das Hopfenaroma der Aromaöle unterstützt.

Mit den aus dem Hopfenöl stammenden Hopfenaromastoffen begeben wir uns in das eigentlich schwierige Gebiet der Hopfenaromaforschung.

Wir kennen mittlerweile mehrere Hundert flüchtige Verbindungen im ätherischen Hopfenöl, die unterschiedliche aromaaktive Eigenschaften mitbringen. Das Problem der Klassifizierung des Aromas genotypisch eindeutiger Hopfensorten ist nicht nur die Anzahl der Aromaverbindungen bzw. deren noch nicht einheitliche Messmethode, sondern auch deren phänotypisch unterschiedliche Ausprägung, je nach Anbaugebiet (Terroir) sowie Erntezeitpunkt, Trocknung und Lagerung der Hopfenprodukte und deren Veränderung in der Biermatrix und bei der Bieralterung.

Wie verhält sich das Hopfenaroma im fertigen Bier?

Die genannten komplexen Aromen machen die Darstellung des Hopfenaromas (die Bittere einmal außen vor gelassen) im fertigen Bier besonders schwierig, weil andere aromaaktive Verbindungen die Wahrnehmung der Hopfenaromen im Zusammenspiel beeinflussen. Typisch für den Craft-Brauer der ersten Stunde war das maskieren der Bierfehler mit viel Hopfen. Nicht zuletzt ein Grund für das Wiederaufleben der IPAs in den USA. So ist durch die Dissertation von Stefan Hanke von der Bitburger Versuchsbrauerei bekannt, dass eine geringe Menge Linalool (+15µg/l) den Aromaeindruck von Bierfehlern, wie Diacetyl (Butter), DMS (gekochtes Gemüse) oder Isovalieriansäure (schweißig-käsig) zu kaschieren vermag, indem der Schwellenwert für die Wahrnehmung des Aromas angehoben wird.

Während weißbiertypische Aromen von Isoamylacetat (Bananenaroma) die Wahrnehmung von Geraniol senken und von Linalool steigern können [12]. Genauso haben Versuche der TUM-Weihenstephan gezeigt, dass höhere Alkoholgehalte bei bestimmten Hopfensorten mit einer verstärkt fruchtig-zitrusartigen Hopfenwahrnehmung einhergehen können. Eine warme Gärung ist zudem dafür bekannt mehr Fruchtester einzubringen, die das Hopfenaroma unterstützen [13]. Versuche lassen daran zweifeln, ob die Zugabe von Braugips (CaSO4) für eine Hopfenblume messbare Verbesserungen liefert. Bei CaCl2 hingegen konnte eine verbesserte Güte und Intensität des Hopfenaromas festgestellt werden [14]. In jedem Fall trägt das mineralische Profil des Wassers zum Gesamteindruck des Hopfens im Bier bei. Auch die Pufferkapazität des Wassers für einen niedrigen pH-Wert trägt zur Transformation einiger Aromaöle bei. Angesprochen wurde bereits die Umsetzung von Aromen durch Hydrolyse oder Um- bzw. Veresterung während der Gärung.

Und wie hält sich das Aroma in der Flasche?

Eine besonders sauerstoffarme Bierbereitung inkl. Kalthopfung und besonders die entsprechend sauerstoffarme Abfüllung des filtrierten Biers gewährt eine längere Stabilität des Hopfenaromas im Bier. Nichtsdestotrotz bauen sich besonders schnell die fruchtigen Aromen der Thiole (Grapefruit, Maracuja, Johannisbeere) ab. Flaschengärung wäre ein Beitrag zur Stabilisierung vor dem Alterungsgeschmack, allerdings kann es mit der Zeit zur Biotransformation der Aromen durch die Hefe kommen, vermutlich wird das Bier dadurch trotzdem nicht schlechter. In Versuchen zeigen sich immer wieder besonders geringe Aromaverluste bei ohne Hefe kaltgehopften Bieren, die natürlich dunkel und kühl gelagert wurden. Durch Kalthopfung vermehrt eingebrachte Aromen, wie Myrcen, β-Caryophyllen, α-Humulen nehmen bei Flaschenlagerung durch die Compoundmasse des Kronkorkens ab.

Also gibt es keine objektiven Kataloge für Aromaverbindungen in Hopfensorten?

Nach diesem noch relativ kurzen Einstieg wird dem einen oder anderen Hopfenenthusiasten klar, warum die Aromabestimmung auf rein analytischer Basis der Erfahrung des Brauers noch in Einigem nachsteht.
Besonders schwierig ist die wissenschaftliche Bestimmung auch deswegen, da es derzeit viele verschiedene Verfahren gibt. Beispielsweise zur Anreicherung (LLE, SPE, SBSE, SPME, HS (stat./dyn.), P&T), Trennung- und Detektion (GC-FID, GC-QP-MS, GC-TOF-MS, GC-TQ-MS, GC-Q-TOF-MS, GC*GC), Identifizierung und Quantifizierung (RT/ RI, Scan/SIM/MRM, intern, extern, Isotopenstandard).
Erschwerend kommen Abweichungen bei den Messungen hinzu, so kann die Messung von Myrcen, Geraniol oder α-Terpineol zwischen SPME-GC-MS/MS (MRM) und SPME-GC-MS (SIM oder Scan) gern auch einmal um den dreifachen Wert abweichen [15].

Angenommen wir haben irgendwann eine marktübliche Standardprobe und Messung, dann wäre immer noch die Bestimmung jeder Sorte, jedes Anbaugebiets und ggf. jeder Charge erforderlich. Als Ergebnis wüssten wir mehr über die zu erwartenden Aromaeindrücke in einem Standardbier, aber können deren Verhalten in einer komplexen Biermatrix nicht unbedingt vorhersagen. Wie das Malz und ganz besonders der Hefestoffwechsel der unterschiedlichen Hefestämme, z.B. durch enzymatische Spaltung von Glykosiden, das Aroma verändern, bleibt dann ebenfalls offen. Daher haben wir noch viel Raum für Forschung in diesem Gebiet.

Steuerung des Aromas besonders über Menge/Zeitpunkte der Hopfengabe

Umso wichtiger ist die optimale Verarbeitung der Hopfenprodukte entsprechend der Aromaerwartung. Viele Aromastoffe, wie Myrcen, β-Caryophyllen oder Humulen, werden während der Kochung fast vollständig ausgetrieben. Späte Gaben oder Kalthopfung können den Ölverlust kompensieren. Die Kalthopfung verändert zudem das Bild der Bitterqualität durch mehr Hartharze und Polyphenole. Letztere verstärken den Körper, können aber bei unzureichender Klärung bzw. Trubentfernung von hochmolekularen Formen unangenehm adstringierend oder mundbelegend sein. Auf der anderen Seite will man möglichst naturtrübe Biere, weil sonst an der Hefe und an Filterrückständen adsorbierte lipophile Aromaverbindungen entfernt werden. Brauereien behelfen sich mittlerweile mit externen Geräten zur Vorlösung vom Hopfen und anschließender Zudosierung, so kann man bessere Ergebnisse als mit Teefiltern, Sieben, Säckchen und vor allem Gaben im Eintankverfahren ohne Separierung erzielen.

Letztens habe ich einmal selbst die Extremform der späten Hopfengabe, des sogenannten „Hop Bursting“ ausprobiert. Bei Hopfengaben von 10g/l P90-Pellets im Whirlpool bei 70°C war mir klar, dass ich Probleme mit der Bierklärung bekommen werde, allerdings war ich vom Ausmaß dennoch beeindruckt. Moosgrüne Würze, kolossale Mengen an Hopfentrub im Whirlpool, grasgrüne Schaumdecke bei der Gärung und ohne Filter war selbst mit Kieselsol und extremer Kühlung das Bier nur sehr langsam klar zu bekommen. Das Bier sieht ungeklärt sehr nach Latte Macchiato aus. Mein Experiment ist keine Neuheit, zeigt hingegen im Ergebnis, dass hoch hopfenaromatische Biere ohne intensive Bittere möglich sind, was zum Trend von schwach bitteren (NE)IPAs und Session Ales passt. Dennoch würde ich einen ausgeprägten Bittereindruck empfehlen, da die Erwartungshaltung des Biertrinkers sonst nach den intensiven Aromaeindrücken schnell enttäuscht wird.

Bei der Kalthopfung sollte man also nicht nur auf die Zusammensetzung des gesamten Konzerts der Inhaltsstoffe achten, sondern auch auf deren Wechselwirkungen. Nicht jede Hopfensorte erhöht nach dem Motto „viel hilft viel“ den Aromaeindruck bei steigender Dosierung (siehe auch Mitch Steeles Erfahrungen in seinem Buch „IPA: Brewing Techniques, Recipes and the Evolution of India Pale Ale“). Besonders aufpassen sollte man auch auf den erhöhten Nitratgehalt (ggf. auch Pflanzenschutzmittel) im Bier bei hohen Hopfenmengen (Hopfen hat im Durchschnitt 0,9% Nitrat und dies wird vollständig ins Bier transferiert), welche nicht nur die zulässigen Grenzwerte überschreiten können, sondern auch die ggf. noch laufende Gärung beeinträchtigen. Ein guter Anfang sind bereits 2-3g/l als P90.

Bleibt nur noch die Frage, welche Hopfensorten ich empfehlen würde.

Gerne trinke ich ein ausgewogendes Helles. Für untergärige Biere bin ich ein großer Fan der klassischen Aromahopfensorten, wie Spalter Select, Hallertauer Mittelfrüh, Tettnanger, Saazer und besonders Hersbrucker. Bei eher späten Hopfengaben mit durchaus kräftiger Einstellung der IBU’s bringen diese Hopfensorten einen harmonischen, weichen Bitterabgang am Gaumen mit hervorragendem Aromaspektrum.
Obergärig sind für mich der Saphir und Mandarina Bavaria ein Klassiker für tolle bayerische Hefeweißbiere.

Bei Importhopfensorten gibt es zwar die Goldstandards für erfolgreiche IPAs, namentlich die großen „C“s wie Citra®, Cascade, Centennial, Chinook sowie Mosaic®, Simcoe® und Amarillo®. Wobei mit einigen dieser Sorten nicht bei jedem Bierbereitungsprozess runde Biere entstehen. Man muss nun nicht wirklich bei jedem Trend mitlaufen. Laut International Hop Growers Convention (IHGC) haben wir 191 aktive Zuchtstämme im Markt und je nach Anbaugebiet über 250 Hopfensorten. Da verstecken sich meiner Meinung nach einige Hopfensorten mit viel Potenzial, wie der in den USA hoch gelobte Pekko® oder Azacca®.

Probiert’s mal aus.
Cheers!


Zum Autor:
Brian Schlede ist Gründer von BrewCraft® in Hamburg und handelt mit internationalen Hopfensorten sowie Spezialmalzen und Hefen für weltweite Craft-Brauereien.

Anhänge

Linkempfehlungen

Sortenblätter der Hersteller mit Hinweisen zu Aromen, Intensität, gemessenen Aromaverbindungen:

Klassifizierung der Hopfenölkomponenten, nach Nijssen [16]

Stoffklassen Anzahl Verbindungen
Summe409
Kohlenwasserstoffe85
Alkohole 78
Aldehyde20
Ketone 52
Carbonsäuren 34
Ester
62
Basen 9
schwefelhaltige Verbindungen41
Acetale1
Ether3
halogenhaltige Verbindungen1
Furane7
Epoxide, Pyrane, Cumarine16

Übersicht zu den aromaaktiven Komponenten in Hopfen [17]

Aromabeschreibung Aromaaktive Komponenten in Hopfen
fruchtig 2-Methylbutyl-2-methylbutyrat
Methyl-6-Methylheptanoat
2-Methylbutyl-isobutyrat
Heptansäuremethylester
4,8-Decadiensäuremethylester
Octansäuremethylester
4-Decensäuremethylester
Isobutylisobutyrat
2-Nonanon
würzig / holzig Myrcen
β-Caryophyllen
Caryophyllenoxid
α-Copaen
α-Humulen
Eudesmol
blumig Linalol
Tridecanon
Geraniol
Farnesol
Nerol
2-Decanon
2-Undecanon
Geranylacetat
Pentadecanon
grasig / heuartig Hexanal
zitrusartig Zitronellal
Zitronellol
Limonen
schwefelig Dimethylsulfid
4-Mercapto-4-methylpentan-2-on
nach Kräuter / Gemüse α-Pinen
α-Selinen
Selinadien
β-Farnesen
β-Pinen
β-Selinen
Cadinen
β-Phellandren

Literaturverzeichnis

  1. Nijssen, L.M.; Vissher, C.A.; Maarse, H.; Willemsens, L.C.; Boelens, M.H. Volatile compounds in food. Qualitative and quantitative data: Hop oil. Central institute for nutrition and food research, Zeist, The Netherlands, 1996, No. 62.
  2. nach Biendl, M.; Engelhard, B.; Forster, A.; Gahr, A.; Lutz, A.; Mitter, W.; Schmidt, R.; Schönberger, C. Hopfen – Vom Anbau bis zum Bier. Fachverlag Hans Carl, Nürnberg, 2012, ergänzt
  3. Brudzynski, A.; Baranowski, K.: Laboratory and Industrial Scale Brewing Trials with Lubelski, Marynka, Oktawia and Other Polish Hop Varieties. In: Journal of the Institute of Brewing 109 (2003), Nr. 2, S. 154–156
  4. Kusche, M.; Stettner, G.; Stephan, A.; Mitter, W.; Kaltner, D.: Influence of the new high alpha hop variety Herkules on beer quality. In: 31st European Brewery Convention Congress. Venedig, Hans Carl 2007, S. 220–225
  5. Laws, D. R. J.; Shannon, P. V. R.; John, G. D.: Correlation of Congener Distribution and Brewing Performance of Some New Varieties of Hops. In: Journal of the American Society of Brewing Chemists 34 (1976), Nr. 4, S. 166–170
  6. Schönberger, C.: Warum das Cohumulon besser als sein Ruf ist. In: Brauwelt 148 (2008), Nr. 36, S. 1041–1042
  7. Walker et al., Investigations into the High Levels of Xanthohumol Found in Stout and Porter-Style Beers, In: Brauwelt International, 2004/II, 22, 100ff
  8. Dressel, M., Struktur und sensorischer Beitrag von Hopfenhartharzen zum Bittergeschmack im Bier sowie zellbasierte Studien zu deren Resorption und Metabolismus“, Diss. TUM, Verlag Dr. Hut, München 2013
  9. ebd.
  10. Takoi, K. et al., Varietal Difference of Hop-Derived Flavour Compounds in Late-Hopped/Dry-Hopped Beers, BrewingScience, Vol. 69, January/February 2016
  11. Kiyoshi Takoi, et al., The Contribution of Geraniol Metabolism to the Citrus Flavour of Beer: Synergy of Geraniol and β-Citronellol UnderCoexistence with Excess Linalool, Journal of the Institute of Brewing, Vol. 116, No. 3, 2010.
  12. Hanke, S., Untersuchungen zum Einfluss der Hopfungstechnologie auf die Geschmacksstabilität und Harmonie untergäriger Biere, Dissertation TU-München, 2009, 94ff.
  13. Haslbeck, K., Einfluss von Hefestämen und Hopfungstechnologien auf den Biercharakter, 11. Praxisseminar 20.10.2016, Forschungszentrum Weihenstephan, Ingolstadt 2016
  14. Kaltner, D., Untersuchungen zur Ausbildung des Hopfenaromas und technologische Maßnahmen zur Erzeugung hopfenaromatischer Biere, Dissertation TU-München, 2009, 62ff.
  15. Rettberg, N., Spezialanalytik in der Brauerei - Höher, schneller, weiter oder einfach über’s Ziel hinaus? - Versuchs-und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB) e.V., Vortrag: 50. Technologisches Seminar 2017, TUM-Weihenstephan, Freising, 2017
  16. Nijssen, L.M.; Vissher, C.A.; Maarse, H.; Willemsens, L.C.; Boelens, M.H. Volatile compounds in food. Qualitative and quantitative data: Hop oil. Central institute for nutrition and food research, Zeist, The Netherlands, 1996, No. 62.
  17. Kammhuber, K. Analytical aroma characterization of the new Hüller “Special-flavor-Hops”. Vortrag im Rahmen der International Hop Growers`Convention, Kiew, Ukraine, 04. – 09. Juni 2013

Titelbild: Barth-Haas Group Fotomaterial (Kreklau/Barth)

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