Das Bier zum Jubel-Jubiläum

Aldersbach-Klosterbiere

Unter viel Brimborium wird im niederbayerischen Kloster Aldersbach das Jubiläumsbier für die Bayerische Landesausstellung 2016 eingebraut.

Die Bayerische Landesausstellung 2016 „Bier in Bayern“, die vom 29. April bis 30. Oktober im Kloster Aldersbach stattfindet, wird ganz im Zeichen des 500-jährigen Jubiläums des bayerischen Reinheitsgebots stehen. Zwar liegt Aldersbach zwischen Vilshofen und Pfarrkirchen fernab der Hauptverkehrsströme und ist nicht einmal per Bahn zu erreichen, doch findet sich dort mit dem vollständig erhaltenen ehemaligen Klosterkomplex ein ideales Umfeld für die Ausstellung, zumal direkt nebeneinander die alte Museumsbrauerei und die direkt angebaute moderne Aldersbacher Brauerei dem Besucher die Entwicklung des Brauwesens anschaulichen machen können. Doch davon soll in einer der künftigen Ausgaben die Rede sein.

Rechtzeitig vorher wurde nun am 3. Februar das offizielle Jubiläumsbier im Aldersbacher Sudhaus eingebraut. Genaugenommen sogar zwei Biere: In Anlehnung an frühere klösterliche Praxis ein stärkeres „Konventbier“ mit 13,5° Stammwürze und ein schwächeres „Pfortenbier“ mit 9° Stammwürze. In einem Gemeinschaftsprojekt, auf dessen Einmaligkeit hinzuweisen man nicht müde wurde, hatten die 12 bayerischen Klosterbrauereien (darunter so bekannte wie Ettal, Reutberg, Mallersdorf, Weißenohe oder Irsee, um nur einige zu nennen) jeweils 50 Hektoliter ihres eigenen Brauwassers mitgebracht, das nun in Aldersbach verschnitten wurde, um damit ohne weitere Wasserenthärtung die beiden Sude von jeweils 170 hl zu brauen.

Hochkarätige Väter des Rezepts

Abbildung 1: Braumeister Peter Wagner, Dr. Adrian Forster, Dr. Andreas Gahr, Tamara Schreiner, Ferdinand Freiherr von Aretin, Prof. Dr. Ludwig Narziß, Dr. Herbert Graf (v.l.)

Abbildung 1: Braumeister Peter Wagner, Dr. Adrian Forster, Dr. Andreas Gahr, Tamara Schreiner, Ferdinand Freiherr von Aretin, Prof. Dr. Ludwig Narziß, Dr. Herbert Graf (v.l.)

Auch wenn sich der Zusammenhang zwischen Klosterbrauereien und 500 Jahren Reinheitsgebot nicht unmittelbar erschloss, so wies doch der Aldersbacher Brauereibesitzer Ferdinand Freiherr von Aretin in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass gerade die Klosterbrauereien schon vor 500 Jahren die Brautradition hochgehalten und im Eigeninteresse ihrer Brüder und Schwestern auf Bekömmlichkeit geachtet hätten.

Für die Entwicklung des Rezepts zeichnete ein überaus hochkarätiges Beraterquartett verantwortlich, das in jeweils einer kurzen Ansprache Wissenswertes zu den vier Grundzutaten vermittelte:

Narziss

Abbildung 2: Prof. Dr. Ludwig Narziß schwärmt von den Möglichkeiten des Brauwassers

Allen voran der Nestor des deutschen Brauwesens, Prof. Dr. Ludwig Narziß, der als langjähriger Weihenstephaner Lehrstuhlinhaber prägend für ganze Generationen deutscher Brauer war. In einer unvergleichlich leidenschaftlichen und inspirierenden Rede stellte er die Bedeutung der Mineralien im jeweiligen Brauwasser als unverzichtbaren Stellhebel im Rahmen des Reinheitsgebots auf prägnante und allgemeinverständliche Weise heraus. Den mittlerweile 90-Jährigen derart fesselnd dozieren zu hören war zweifellos einer der Höhepunkte der Veranstaltung, so dass der folgende Vortrag von Dr. Herbert Graf, Leiter der Kulmbacher Ireks-Mälzereien, demgegenüber eher wie das Verlesen eines Lexikon-Eintrags über Malz erschien.

Dr. Adrian Forster, Leiter der Hop­fen­ver­ar­beitungs­betriebe in Wolnzach referierte anschließend sehr anschaulich über Hopfenzüchtungen, die derzeit ca. 200 weltweit und ca. 20 in Deutschland großtechnisch angebauten Sorten. Insbesondere wies er auch auf die Bedeutung der alten Landsorten hin, die sich ohne gezielte Züchtung an den jeweiligen Anbauorten entwickelt hätten, so dass davon auszugehen sei, dass es diese schon vor 500 Jahren in ähnlicher Form gegeben habe. Insgesamt sei Brauen nach dem Reinheitsgebot nicht teurer, aber womöglich etwas unbequemer, so dass im Falle eines ähnlich katastrophalen Hopfenanbaujahres wie 2015 auch der Ruf nach isomerisierten Hopfenprodukten wieder lauter werden würde. Dr. Andreas Gahr, Leiter der Forschungsbrauerei in St. Johann in der Hallertau, berichtete anschließend über ober- und untergärige Hefestämme. Bei der Rekonstruktion der beiden Klosterbiere habe man sich für eine Alehefe entschieden, damit diese der Genetik nach obergärig sei. Denn damals sei die obergärige Brauart allgemein üblich gewesen.

Die beiden Biere konkret

Die Stammwürze von 13,5 °P lässt beim „Konvent“ einen Alkoholgehalt von 6 – 6,5 %, die 9 °P bei der „Pforte“ von 3,5 – 4 % erwarten. Die Schüttung entspräche weitgehend einem Hellen Festbier. Die Alehefe wurde gewählt, um sich an alte obergärige Vorbilder anzulehnen. Unterschiedliche Wege wurden indes bei der Hopfung beschritten: Die „Pforte“ wurde nur mit den 4 alten Landsorten Tettnanger, Hallertauer, Spalter und Hersbrucker gehopft, während man beim stärkeren „Konvent“ ungleich kreativer wurde: Hier kamen die 15 wesentlichsten in Deutschland angebauten Sorten zum Einsatz, gewissermaßen ein „all in“-Bier! Spätestens bei den neuen Mandarina Bavaria, Hüll Melon, Polaris und Hallertau Blanc entfernte man sich dann ganz weit vom Versuch einer historisch getreuen Rekonstruktion. Beiden Bieren gemein war dann wieder die ausgesprochen großzügige Hopfung, wobei die letzten Hopfengaben unmittelbar vor dem Ausschlagen jeweils die größten waren. Man kann also auf die Hopfennase der fertigen Biere gespannt sein.

Ritueller Hopfenwurf

Aretin

Abbildung 4: Brauereibesitzer Frh. von Aretin bei der Bitterhopfung

GoPro

Abbildung 5: Alles bereit für das große Hopfen-Defilee. Man beachte die GoPro-Kamera am Holzschaff.

Und für diese letzte Hopfengabe hatte man sich etwas Besonderes ausgedacht: Die Vertreter der 12 Klosterbrauereien prozessierten an der geöffneten Sudpfanne vorbei, um jeweils ein paar Handvoll Hopfenpellets in die siedende Würze zu werfen.

Unwillkürlich erweckte dieses Bild Anklänge an den rituellen Erdwurf bei Begräbnissen, so dass es fast wirkte, als werde hier das Reinheitsgebot zu Grabe getragen…

Die feierliche Stimmung wurde etwas gelockert, als die Blasmusikformation „Schabernack“ direkt im Sudhaus ein paar Stücke (darunter einen eigens komponierten „Klosterbier-Marsch“ samt Gesangseinlage) zum Besten gab.

Schabernack

Abbildung 6: Blasmusikformation Schabernack. Die Transparente im Hintergrund verraten, dass neue Trends nicht unbemerkt an Aldersbach vorbeigehen.

Diskussionslose Pressekonferenz

Etwas merkwürdig war, dass trotz des aufwändigen Programms der Veranstaltung, die ganz unter dem Motto 500 Jahre Reinheitsgebot stand, kaum etwas zum konkreten Inhalt, zur aktuellen Auslegung oder gar zur Zukunft des Reinheitsgebots gesagt wurde. Noch viel erstaunlicher schien, dass die ganze Veranstaltung zwar als Pressekonferenz tituliert, es aber zu keinem Zeitpunkt vorgesehen war, dass im großen Gremium öffentlich Fragen gestellt werden konnten. Solche Arten von Pressekonferenzen gibt es wohl sonst eher nur in totalitären Staaten. Oder eben in Bayern, wenn es ums Reinheitsgebot geht.

Doris und Tamara

Abbildung 7: Der Sud stand unter kirchlichem und königlichem Segen: Die Mallersdorfer Braumeisterin Schwester Doris im Gespräch mit der letztjährigen Aldersbacher Weißbierkönigin

Aber ich will nicht klagen, immerhin hatte man mich nach meinem Artikel „Das Reinheitsgebot ist tot – lang lebe das Reinheitsgebot“ überhaupt noch eingeladen. Beim anschließenden Ausklang im Fasskeller des Bräustüberls hatte ich dann doch noch die Gelegenheit, den Aldersbacher Braumeister Peter Wagner zu fragen, warum er auch auf seine Weißbieretiketten drucken lasse, dieses sei getreu dem „bayerischen Reinheitsgebot von 1516“, das ja zu nicht geringem Teil als Anti-Weizen-Gesetz motiviert gewesen sei. Viel mehr, als dass man damit ausdrücken wolle, natürlich nur beste und nur natürliche Zutaten zu verwenden, war ihm dann allerdings auch nicht zu entlocken. Ein Vertreter des Hauses der bayerischen Geschichte, das die Landesausstellung mitgestaltet, gab schließlich zu bedenken, das Reinheitsgebot habe damals schon Gesetzeslücken enthalten; und was genau damit gemeint gewesen sei, wisse heute eh niemand mehr mit Sicherheit.

Mein Fazit daraus: Wie das Reinheitsgebot genau zu lesen ist, kann einem offenbar niemand mehr sagen, aber dafür feiert man es nun umso ausgelassener. Ich denke, auf die beiden hopfenbetonten Ales können wir uns auf jeden Fall schon freuen!


Abbildungen:

  • Titelbild: Redaktionsbüro Liebe
  • Alle anderen Abbildungen: Autor

Ein Kommentar zu “Das Bier zum Jubel-Jubiläum

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