Berliner Bierwege, Teil 2

Schalander Biergarten

Im ers­ten Teil der Berliner Bierwege ha­ben sich die här­tes­ten Bierwanderer schon in den heu­te be­schrie­be­nen Bereich des Friedrichshain be­wegt, wenn sie die Tour bis zum Ende beim Hotel Michelsberger durch­ge­hal­ten ha­ben. Heute al­so Teil 2 der Tour, der sich qua­si di­rekt an­schließt.

Tour 2: Vom RAW zum Straßenbräu

Diese Tour führt durch mei­ne al­te Heimat, den Friedrichshainer Kiez zwi­schen Warschauer Straße, Ostkreuz und Frankfurter Allee. Als ich dort in den 60er- bis 80er-Jahren wohn­te, war al­ler­dings von der heu­ti­gen Kneipenkultur noch nichts zu spü­ren. Die Simon-Dach-Straße, Keimpunkt des Kneipenwachstums, wo heu­te die Restaurants und Bars dicht an dicht die Erdgeschosse lü­cken­los aus­fül­len, hat­te da­mals gan­ze 2 Lokale, von de­nen ich zu­min­dest ei­nes nie frei­wil­lig be­tre­ten hät­te. Heute dürf­ten es über 50 sein.

Zwischen den Restaurants, die Speisen und Getränke aus al­ler Herren Länder ver­kau­fen, fin­den sich auch ei­ni­ge Perlen der Bierszene. Wir star­ten dies­mal dort, wo wir bei der Tour 1 ge­en­det ha­ben: am S- und U-Bahnhof Warschauer Straße ( S-Bahn-Linien S5, S7, S75 und jetzt auch wie­der S3, U-Bahn U1 und Straßenbahn M10 oder 13) und wen­den uns in Richtung Norden zum Frankfurter Tor. Gleich hin­ter der Warschauer Brücke fin­det sich rechterhand das RAW-Gelände.

Das ehe­ma­li­ge Reichsbahn-Ausbesserungswerk wur­de kurz nach sei­ner Schließung Anfang der 90er-Jahre von der al­ter­na­ti­ven Szene be­setzt. Es ent­stan­den Klubs, Bars, Restaurants, Werkstätten, ei­ne Skaterbahn und vie­le an­de­re Projekte. Einmal jähr­lich tref­fen sich auf dem RAW-Hof die Bierliebhaber zum Braufest Berlin, zu dem vie­le Berliner, na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Craftbeer-Brauereien ih­re Stände auf dem Hof auf­bau­en. Im lau­fen­den Jahr fiel es zwar lei­der aus, aber es gibt Hoffnung auf ei­ne Neuauflage im nächs­ten Jahr.

Wir durch­que­ren von der Warschauer Straße aus den kom­plet­ten Hof und pas­sie­ren die heu­te weit­hin be­kann­ten Klubs wie Astra, Haubentaucher, Badehaus und Cassiopeia.

Neu im RAW ist die Brauerei des Schalander, die bis vor kur­zem di­rekt im Schalander-Wirtshaus in der Bänsch- Ecke Pettenkoferstraße stand. Der Raum dort war aber arg be­grenzt. Hier kann sich Braumeister Maximilian Lissek et­was mehr aus­brei­ten, ob­wohl die Brauanlage selbst im­mer noch die glei­che win­zi­ge Größe hat. Die Kühlkapazitäten las­sen sich hier aber bes­ser dem Bedarf an­pas­sen als im Altbau-Keller der Bänschstraße. Neben den stän­di­gen Sorten Hell, Dunkel und Weizen ist im­mer ein Spezialbier am Hahn. Aktuell ist das – pas­send zur Hopfenernte – ein kalt­ge­hopf­tes Helles, das sehr schö­ne, aber europäisch-zurückhaltende blumig-würzige Hopfenaromen hat.

Weiter geht es durch die Ausfahrt ne­ben dem Schalander in die Dirschauer Straße. Wer möch­te, kann an der Wühlischstraße auch ei­nen Abstecher nach links in die Kneipenmeile der Simon-Dach-Straße ma­chen. Noch ein Stück die Wühlischstraße rechts hin­auf be­fin­det sich dann Hops & Barley. Braumeister und Gastgeber Philipp Brokamp braut in der ehe­ma­li­gen Fleischerei (man be­ach­te im rech­ten Bild die Originalfliesen) seit 2008 ein fei­nes Sortiment an Bieren aus­schließ­lich für den lo­ka­len Ausschank. Neben den stän­di­gen Sorten Pils, Dunkel und Weizen gibt es ei­nen haus­ge­mach­ten Cider und im­mer zwei bis drei Spezialbiere, ak­tu­ell ein sehr ge­lun­ge­nes Session-IPA aus ei­ner Zusammenarbeit mit Christian Gläsers The Mash Pit. Inzwischen wur­de die Hausbrauerei um ei­ne zwei­te Braustätte in Marzahn er­wei­tert, wo auch vie­le Berliner Gipsy-Brauer ih­re Biere brau­en.

Schräg ge­gen­über fin­det sich das Restaurant Stock und Stein, ei­ne Urquell-Tankbar. Dieses re­la­tiv neue Konzept kann man in­zwi­schen in ver­schie­de­nen Lokalen er­le­ben (sie­he auch den Artikel in der Herbstausgabe). Das un­pas­teu­ri­sier­te Pilsner Urquell wird frisch per Tanklaster an­ge­lie­fert und di­rekt aus den Lagertanks, die de­ko­ra­tiv hin­ter der Bar sicht­bar sind, aus­ge­schenkt.

Ein paar Meter die Wühlischstraße zu­rück zweigt die Gärtnerstraße in Richtung Norden ab. Wir fol­gen ihr am Boxhagener Platz (Boxi) vor­bei bis zur Grünberger Straße, wo sich an der Ecke das Szimpla Kaffeehaus (C) be­fin­det. Neben ei­ner (im Moment al­ler­dings recht über­sicht­li­chen) Auswahl an Craftbieren vom Fass und aus der Flasche gibt es hier auch re­gel­mä­ßig Tap-Takeovers und Verkostungen zu be­stimm­ten Themen.

Noch ein Stück die Gärtnerstraße hin­auf kreuzt die Boxhagener Straße, der wir nach links fol­gen. Kurz hin­ter der Simon-Dach-Straße be­fin­det sich Getränkefeinkost (D), ein Craftbier-Laden mit rie­si­ger Auswahl aus 500 Sorten Flaschenbier. Wenn man Glück hat, gibt’s zu be­son­de­ren Anlässen an der Kasse auch ein Bier vom Fass.

Direkt ge­gen­über, Boxhagener Straße 110, hat Vadim Kamkalov erst vor we­ni­gen Tagen das „Protokoll“ er­öff­net. Die Craftbier-Bar riecht noch nach fri­scher Farbe. Alle 24 Hähne wa­ren (bis auf ei­nen) mit sehr in­ter­es­san­ten Bieren be­legt. Ich hat­te ein leich­tes Sour Ale mit un­aus­sprech­li­chem Namen von Evil Twin, das mit et­was Brett zu ei­ner pas­sa­blen Berliner Weißen ge­taugt hät­te.

 

Folgen wir der Niederbarnimstraße wei­ter, sto­ßen wir auf die Frankfurter Allee, de­ren vier Spuren ei­gent­lich im­mer mit ei­nem un­un­ter­bro­che­nen Strom von Autos stadtein- und -aus­wärts ge­füllt sind. Auf der Nordseite hat in Nummer 43 der Salami Social Club (F) er­öff­net, der zur Pizza auch Craftbeer vom Fass und aus der Flasche an­bie­tet.

Wer ab­kür­zen und den Abstecher zum Schalander Wirtshaus aus­las­sen will, kann jetzt gleich in die ge­gen­über­lie­gen­de Mainzer Straße zur Tentacion Mezcalothek und Beer Bar an der Ecke Scharnweberstraße ge­hen. Das ist ei­ne von zwei Mexikanern be­trie­be­ne Hotelbar, die sich dem Agavenschnaps Mezcal und Craftbeer ver­schrie­ben hat. Von dort aus ist der Weg zum Aunt Benny über Scharnweber-, Jung- und Oderstraße kür­zer.

Ansonsten ge­hen wir die Frankfurter Allee noch ei­ni­ge Meter wei­ter und bie­gen links in die Samariterstraße ein, der wir bis zur ein­drucks­vol­len Samariterkirche fol­gen. Dort ge­hen wir nach rechts in die Bänschstraße. Etwas ab­seits ge­le­gen an der Ecke Bänsch- und Pettenkoferstraße hat die oben schon er­wähn­te Hausbrauerei Schalander schon vor ei­ni­gen Jahren ihr Wirtshaus (G) als ers­te Location er­öff­net, die auch nach dem Umzug der Brauerei ge­öff­net bleibt. Ausgeschenkt wer­den die Biere der jetzt im RAW ar­bei­ten­den Hausbrauerei. Die schwä­bi­sche Herkunft der Wirtsleute sieht man ih­rer Speisekarte deut­lich an: Flammkuchen und Käsespätzle sind stän­dig im Angebot, da­zu gibt es ei­ne ak­tu­el­le Wochenkarte und im­mer mon­tags Schnitzeltag.

Die Strecke Richtung Süden zur nächs­ten Station kos­tet uns et­wa ei­ne Viertelstunde, zu­nächst ent­lang der Pettenkoferstraße, die an der Frankfurter Allee, die wir wie­der über­que­ren, ih­ren Namen in Jessnerstraße än­dert. An der Ecke Oderstraße fin­den wir dann die Craftbeer-Bar Aunt Benny (H). Die frü­he­re Aufteilung in die Bar Antlered Bunny und das Cafe Aunt Benny an fast glei­chem Platz ha­be schein­bar nicht nur ich nicht ver­stan­den, denn das Auntlered Bunny gibt es in­zwi­schen nicht mehr. Neben drei Fassbieren aus der Rollberg-Brauerei gibt es ei­ni­ge Flaschenbiere, zur­zeit von Berliner Berg, Motel und Ayinger.

Über die Oder- oder Weserstraße ge­lan­gen wir auf die Gürtelstraße, wo in Nummer 23 die Home Bar re­si­diert. James Andrews bie­tet stän­dig acht Biere vom Fass, dar­un­ter zwei wech­seln­de Gastbiere, und min­des­tens 30 Flaschenbiere an. An den Wochenenden gibt es meist Live-Musik und ab und zu auch Bierverkostungen.

Zur letz­ten Station dies­seits des Ostkreuzes geht es die Gürtelstraße wei­ter süd­lich in Richtung Bahnhof. Hinter der Boxhagener Straße wech­selt der Name in Neue Bahnhofstraße. Auf der rech­ten Straßenseite fin­det man das Straßenbräu, das Hausherr Timo Thoennißen Anfang 2016 er­öff­ne­te (sie­he auch un­se­ren Artkel zur Eröffnung). Braumeister Sebastian Pfister braut hier auf ei­ner 2½-Hektoliter-Anlage ein er­staun­li­ches Sortiment un­ter­schied­lichs­ter Biere. An ei­ni­gen der zehn Hähne hän­gen ab und zu auch Gastbiere, wie zum Beispiel zur­zeit der Black Juice, ein Black IPA aus der Zusammenarbeit mit Pirate Brew Berlin.

Vom Straßenbräu sind es nur we­ni­ge hun­dert Meter zum Bahnhof Ostkreuz, wo die­ser Teil der Berliner Bierwege en­det – je­den­falls der of­fi­zi­el­le Part. Für die, die noch nicht ge­nug ha­ben, gibt es na­tür­lich noch ei­nen Bonusteil.

Als ers­ten Bonus kön­nen wir ei­nen Abstecher zur al­ten Turnhalle in der Holteistraße ma­chen. Im Moment wird die noch als Restaurant von ei­ner Firma des Immobilienmoguls Quirin Graf Adelmann von Adelmannsfelden und mit Bieren des Hofbräuhauses Traunstein be­spielt. Sie ge­hört zur ehe­ma­li­gen Max-Kreuziger-Schule, ei­nem groß­zü­gi­gen Ensemble aus Schulhaus und Turnhalle, das in den 50er-Jahren im Zuckerbäckerstil der Stalinallee er­baut und seit 2001 in (Eigentums-)Wohnungen, ein Hotel und eben das Restaurant Turnhalle um­ge­baut wur­de. Gerüchte be­sa­gen, dass Brewdog ein Auge auf die­se Location als zwei­te Bar in Berlin ge­wor­fen hat. Noch ist nichts of­fi­zi­ell be­stä­tigt – war­ten wir’s ab.

Zurück am Ostkreuz que­ren wir den Bahnhof über den obe­ren Bahnsteig und ver­las­sen ihn über den Ausgang zum Markgrafendamm. Wenn wir nach rechts in Richtung Spree ge­hen, liegt in ei­ner Kurve auf der rech­ten Straßenseite ein un­schein­ba­rer Eingang, der zur „Strandbar“ Zuckerzauber führt. Die liegt zwar nicht am Strand, son­dern auf ei­ner auf­ge­schüt­te­ten Sandfläche zwi­schen Gewerbegebiet und Hauptstraße, aber mit Bar, Grill und Bühne bie­tet sie ein le­ben­di­ges Programm über den gan­zen Sommer. Als Bier gibt es stän­dig Urquell und zu be­son­de­ren Anlässen auch Craftbeer.

Ein Stück wei­ter zweigt vom Markgrafendamm rechts die Laskerstraße ab, und we­ni­ge Meter von der Kreuzung ent­fernt liegt der Eingang zur Zukunft am Ostkreuz. Dieses Projekt ver­eint Kunst, Theater, Kino, Bar und auch ei­ne klei­ne Brauerei in meh­re­ren al­ten Gebäuden zwi­schen Autohaus und Gewerbebrache. Im Sommer kann man nicht nur im Freilichtkino sit­zen, son­dern auch das Hausgebraute auch un­ter Bäumen im Biergarten ge­nie­ßen. Das Bier – ei­ne Helles und ein Dunkel – ist zwar kein Aufreger, aber so­li­de ge­braut und gut ge­hopft.

Zum Ostkreuz zu­rück läuft man nur we­ni­ge Minuten. Im nächs­ten Teil der Bierwege wird es durch das gleich hin­ter der Spree be­gin­nen­de Kreuzberg ge­hen.


Abseits der Biers se­hens­wert:

  • Frankfurter Tor und Karl-Marx-Allee mit den wun­der­bar re­stau­rier­ten Häusern im Zuckerbäckerstil der Stalin-Ära
  • Oberbaumbrücke über die Spree mit Laubengang und Backsteintürmchen im his­to­ri­sie­ren­den Stil
  • Kultclub Berghain – oh­ne Einlassgarantie
  • Stasi-Museum in der ehe­me­li­gen Stasi-Zentrale an der Normannenstraße

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